Behandlungsprogramm für Ess-Störungen
Für Kollegen
Leitlinien
Die deutschen Leitlinien zur Behandlung von Ess-Störungen werden gegenwärtig erstellt und werden voraussichtlich ab 2009 über die AWMF-Seite abrufbar sein.
Nachfolgend finden Sie den Link zu den englischen (NICE: National Institute of Clinical Excellence) Leitlinienempfehlungen
www.nice.org.uk/guidance/index.jsp
Beurteilung des medizinischen Risikos
Medizinische Komplikationen der beiden Essstörungen Anorexia und Bulimia nervosa ergeben sich zum einen aus den Maßnahmen zur Gewichtsregulation wie selbstinduziertes Erbrechen oder auch Laxantien- und Diuretikamißbrauch sowie dem vor allem bei Anorexie Patienten vorliegenden massiven Untergewicht. Ferner stellen Komplikationen in der Auffütterungsphase von schwer kachektischen Patienten (BMI < 14kg/m²) ein medizinisches Problem dar („refeeding“-Syndrom).
Der Body-Mass-Index ist zur Beurteilung des medizinischen Risikos nicht ausreichend. Zum einen neigen Patientinnen dazu das Gewicht zu manipulieren (z.B. Trinken vor dem Wiegen) zum anderen werden gewichtsunabhängige Risiken (z.B. Elektrolytverschiebungen) nicht erfasst. Wir empfehlen daher neben dem Gewicht zusätzlich die Gewichts¬veränderung in den letzten Wochen, die Temperatur, die Kreislauffunktion, die Muskelkraft sowie Laborwerte zur Beurteilung des medizinischen Risikos zu erheben.
Die nachfolgende Tabelle informiert über auffällige Veränderungen, die eine sofortige („akute Gefährdung“) Behandlung bzw. körperliche Überwachung erfordern.
Untersuchung | Gefährdung | Akute Gefährdung |
Body Mass Index | < 14 | < 12 |
Gewichtsabnahme/ Woche | < 0,5kg | > 1kg |
Hypothermie | < 35°C | < 34,5° C |
Puls, EKG | < 50 | < 40 |
QT-Zeit (frequenzkorrigiert) | > 450ms | |
Syst. Blutdruck mmHg | < 90 | < 80 |
Diast. Blutdruck mmHg | < 70 | < 60 |
Muskelkraft „Squat Test“ (Einsatz der Arme) | zur Balance | zur aktiven Unterstützung |
Laborchemisch zeigen sich bei Patienten mit einer Anorexie zahlreiche Veränderungen. Diese umfassen u. a. Störungen der Blutbildung im Knochenmark (z.B. Anämie, Leukopenie mit relativer Lymphozytose), Enzymanstieg verschiedener Organe (z.B. Transaminasen, Speichelamylase), Verschiebung der Elektrolyte (z.B. Hypokaliämie, Hypophosphatämie) sowie multiple hormonelle Veränderungen.
Die laborchemischen Veränderungen sind unspezifisch, geben jedoch Auskunft über den Schweregrad und das medizinische Risiko des Starvationsprozesses bzw. des „purging“ Verhaltens. Besonders gefährdet sind essgestörte Patienten durch rasch auftretende Elektrolytveränderungen. Ein besonderes Risiko für das Auftreten einer schweren Hypokaliämie besteht durch das Zusammenwirken von Erbrechen und gleichzieitgem Missbrauch von Diuretika und/ oder Laxantien.
Laborwerte | Gefährdung | Akute Gefährdung |
Albumin (g/dl) | < 3,5 | < 3,2 |
Kreatininkinase (U/l) | > 190 | > 250 |
Glukose (g/dl) | < 65 | < 45 |
Kalium (mmol/l) | < 3,5 | < 3,0 |
Natrium (mmol/l) | < 135 | < 130 |
Phosphat (mg/dl) | 0,5 - 0,8 | < 0,5 |
Harnstoff (mg/dl) | > 42 | > 60 |
Hb (g/dl) | < 11 | < 9 |
Thrombozyten (/nl) | < 130 | < 110 |
Billirubin (mg/dl) | > 1,2 | > 2,3 |
Alkal. Phosphatase (U/l) | < 110 | > 200 |
AST (SGOT) (U/l) | > 40 | > 80 |
Verlauf und Prognose
Zur Untersuchung des Langzeitverlaufs von Anorexie Patientinnen haben wir eine Katamnese 21 Jahre nach Erstbehandlung durchgeführt. Die gute Nachricht lautet: 50,6% der ursprünglichen Gruppe sind zum Zeitpunkt der Katamnese vollständig geheilt. Die schlechte Nachricht: 10,4% zeigen weiterhin das Vollbild und weitere 20,8% eine partielle Symptomatik. Besonders alarmierend ist die Mortalität von 15,6% an den direkten Folgen der Erkrankung. Mit einer standardisierten Mortalitätsrate von 9,8 (entspricht einer fast 10-fach erhöhten Mortalität im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen in Deutschland), zählt somit die Anorexia nervosa zu den Erkrankungen mit der schlechtesten Prognose im Bereich der Psychiatrie und Psychosomatik. Darüber hinaus konnten wir auch Prädiktoren für einen guten versus schlechten Verlauf isolieren. Diese umfassen sowohl Variablen aus dem Bereich der Symptomatik (Dauer der Erkrankung vor stationärer Erstbehandlung, Gewicht, Gewichtszunahme und Subgruppe der Anorexia nervosa), als auch die Schwere der psychischen und sozialen Beeinträchtigung bei stationärer Erstbehandlung (Zipfel at al. 2000, Lancet).




