Prozess-Ergebnisforschung
Gesundungsverläufe während und nach psychotherapeutischer Behandlung: Modellierung und Vorhersage
Robert Percevic
Im Mittelpunkt des von der DFG geförderten Forschungsvorhabens steht die dynamische Struktur von Krankheitsverlauf bzw. Gesundungsprozess bei psychotherapeutisch behandelten Patienten. Das Vorhaben stützt sich auf longitudinale Daten von 1739 Patienten, welche während und im Anschluss an deren psychotherapeutische Behandlung (1019 stationär und 720 ambulant) erhoben wurden. Das Vorhaben verspricht neue Erkenntnisse darüber, wie Psychotherapie den Gesundungsprozess beeinflusst und greift aktuell diskutierte Themen der Versorgungsforschung auf: die prognostische Bedeutung des frühen Behandlungsverlaufes für den weiteren Krankheitsverlauf, die adaptive Prognose von Krankheits- und Behandlungsverlauf sowie die Dosis-Wirkungs-Beziehung. Es verbessert das Wissen über Prozess und Ergebnis, stärkt somit die empirischen Grundlagen für ein effektives therapiebegleitendes Ergebnismonitoring und zielt letztlich auf die Optimierung der therapeutischen Versorgung. Methodisch basiert das Vorhaben auf der Anwendung stochastischer Prozesse zur Beschreibung und Vorhersage von Krankheits- bzw. Gesundungsverläufen und dem Einsatz von computergestützten Simulationsverfahren zur Ableitung von behandlungsrelevanten Folgerungen. Es leistet somit einen Beitrag zur Nutzung von mathematischen Modellen und computergestützter Simulation in der Psychotherapieforschung.
Weitere Informationen:
- Exploration von Gesundungsverläufen nach psychotherapeutischer Behandlung
(Vortrag Januar 2007) Details
- Effizientere psychotherapeutische Versorgung: Simulationsstudien auf Basis von Symptomverlaufsmodellen
(Vortrag April 2007) Details
- Symptom courses during and after psychotherapy: models and simulations
(Vortrag Juni 2007) Details
Prozesse in der psychotherapeutischen Nachbetreuung via E-Mail
M. Wolf, H. Kordy in Zusammenarbeit mit den Panorama Fachkliniken Scheidegg für Psychosomatik, psychotherapeutische Medizin, Naturheilverfahren und Traditionelle Chinesische Medizin
Der Einsatz der Neuen Medien in der Psychotherapie wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Kritisch hinterfragt wird beispielsweise der Einfluss der spezifischen Kommunikationscharakteristika des Mediums auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung der therapeutischen Beziehung und Übermittlung therapeutischer Inhalte.
In einer Studie zur „E-Mail Brücke“ konnte mittels computergestützter Textanalyse (LIWC) gezeigt werden, dass die E-Mails der Teilnehmer Charakteristika aufweisen, wie sie im Zusammenhang mit James W. Pennebakers Schreibparadigma erwartet werden. Hohe Ausprägungen der Wortkategorien „Affective / Emotional Processes“, „Cognitive Processes“ und „Social Processes“ in den Textkorpora dokumentierten die emotionale und kognitive Gesamtaktivität. Für die Abbildung der Veränderungen im Verlauf wurde ein Multilevel-Ansatz gewählt. Über die Teilnahmedauer hinweg zeigte sich für die Kategorie „Negative Emotions“ eine signifikante Abnahme, wohingegen „Positive Emotions“ und „Cognitive Processes“ im Verlauf zunahmen. Die beiden Emotionskategorien wiesen zudem als einzige einen Zusammenhang mit der psychischen Beeinträchtigung (gemessen mit dem EB-45) am Ende der Nachbetreuung auf.
In der zweiten Studie wurde bei 114 Teilnehmern der E-Mail Brücke und deren betreuenden Therapeuten untersucht, wie sich die therapeutische Arbeitsbeziehung (gemessen mit dem HAQ), zwischen Entlassung aus der stationären Therapie und dem Ende der E-Mail Betreuung entwickelt. Sowohl in der Einschätzung der Teilnehmer wie auch aus Therapeutensicht zeigte sich im Verlauf eine leichte Abnahme der Qualität der Arbeitsbeziehung. Die differenzierte Betrachtung der HAQ-Subskalen offenbarte, dass die Beziehungszufriedenheit auf hohem Niveau stabil geblieben war, wohingegen die Erfolgszufriedenheit signifikant schlechter bewertet wurde.
Korrelationsanalysen ergaben positive Zusammenhänge der LIWC-Kategorien „Positive Emotions“, „Humans“ „1. Person Plural“ sowie negative Zusammenhänge mit einem zusammengesetzten Depressivitätsindex und der therapeutischen Arbeitsbeziehung aus Sicht der Teilnehmer. Die Arbeitsbeziehung aus Therapeutensicht korrelierte positiv mit den aus Teilnehmer-E-Mails extrahierten Kategorien „Affect“, „Positive Emotions“ und „Body“, sowie negativ mit „Pronoun“ „Negate“, „Exclusive“ und dem Index „Cognitive Complexity“. Beide Studien geben einen ersten Hinweis auf Qualität und Intensität der Kommunikation via E-Mail im Rahmen einer psychotherapeutischen Nachbetreuung.
Literatur:
Wolf, M. & Kordy, H. (2006). Die therapeutische Beziehung in einem E-Mail-Modell post-stationärer Psychotherapie. Psychodynamische Psychotherapie, 3, 137-146.
Der Einfluss der therapeutischen Arbeitsbeziehung auf das Ergebnis in der ambulanten Psychotherapie
B. Puschner, M. Wolf, S. Kraft, H. Kordy
Die Qualität der therapeutischen Arbeitsbeziehung wird als wichtiger Prädiktor für den Therapieerfolg in stationärer wie ambulanter Psychotherapie angesehen. Die in Metaanalysen gefundenen Zusammenhänge zwischen Therapieergebnis und therapeutischer Beziehung sind jedoch eher moderat, wenn auch konsistent. Auch können die meisten Prozess-Ergebnisstudien nicht eindeutig interpretiert werden. So bedarf die Frage, ob die therapeutische Beziehung eine Voraussetzung für oder aber selbst die Folge früher Behandlungserfolge ist, weiterer Klärung.
An einer Stichprobe 259 ambulanter Psychotherapiepatienten, die im Rahmen der Studie TRANS-OP rekrutiert wurden, wurde der Einfluss der therapeutischen Arbeitsbeziehung auf das Behandlungsergebnis untersucht. Zur Einschätzung der psychischen Symptombelastung als Maß für den Therapieerfolg wurde der Globale Schwereindex (GSI) der SCL-90-R verwendet, die therapeutischen Arbeitsbeziehung wurde mittels der deutschen Version des Helping Alliance Questionnaire (HAQ) erhoben. Das Studiendesign ermöglicht eine longitudinale Modellierung der Ergebnis- und Prozessmaße über bis zu 10 Messzeitpunkte. Zur Klärung der reziproken Abhängigkeiten der beiden Variablen im Verlauf der Therapie wurden hierarchisch lineare Modelle mit zeitabhängigen Prädiktoren erster Ordnung berechnet. Differenzielle zeitliche Effekte sowie Unterschiede nach Therapieart (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie, psychoanalytische Psychotherapie) wurden regressionsanalytisch untersucht.
In der Gesamtstichprobe konnte kein Einfluss der therapeutischen Arbeitsbeziehung auf die Symptomatik nachgewiesen werden. Stattdessen zeigte sich im Verlauf eine tendenzielle Abhängigkeit der Arbeitsbeziehung von der vorausgegangen Symptombelastung. Die Vorhersage der späten Symptombelastung (60. Sitzung) durch die früh und in der Mitte der Therapie erfasste Arbeitsbeziehung deutete lediglich bei Patienten in psychoanalytischer Psychotherapie einen Einfluss an. Bei Hinzunahme der initialen Symptombelastung in die Regression verschwanden diese Zusammenhänge; einziger und für alle Therapieformen signifikanter Prädiktor der späteren Symptomatik war dann die bei Behandlungsbeginn gemessene Beeinträchtigung. In Übereinstimmung mit anderen Studien, die die zeitliche Dynamik der beiden Variablen kontrollierten, stützt dieses Resultat die von Horvath und Kollegen (1993, p. 566) aufgeworfene Hypothese von der „alliance as an artifact“.
Literatur:
Puschner, B., Wolf, M. & Kraft, S. (in press). Helping alliance and outcome in psychotherapy: What predicts what in routine outpatient treatment? Psychotherapy Research.
Erfassung und Rückmeldung von text-basierten Prozessen in der Online-Gruppenpsychotherapie
S. Haug, V. Golkaramnay, H. Kordy in Zusammenarbeit mit der Panorama Fachklinik Scheidegg
Die Analyse der Kommunikationsinhalte im Rahmen von Internet-Chat-Gruppen eröffnet auch neue Perspektiven in der Gruppenpsychotherapie-Prozessforschung. Durch die automatische Aufzeichnung der Chat-Transkripte stehen diese für Inhaltsanalysen ohne größeren Transkriptionsaufwand unmittelbar zur Verfügung. Durch die computergestützte Analyse der Transkripte besteht die Möglichkeit die Häufigkeiten bestimmter Wörter oder Wortkategorien, die relevante Prozesse bei Gruppentherapien widerspiegeln (z. B. Aktivität, Berücksichtigung durch den Therapeuten, Feedback...) unmittelbar zu erfassen und diese dem Therapeuten in Form eines Feedback zur Verfügung zu stellen. Ziel dieses Projekts ist, im Sinne einer empirisch-rationalen Vorgehensweise, anhand der Ergebnisse der Wirkfaktoren- und Prozessforschung in Gruppen, auf Basis von Expertenmeinungen sowie der konvergenten Validität mit Fragebogendaten, text-basierte Prozessvariablen zu identifizieren und dem Gruppentherapeuten als Rückmeldung zur Verfügung zu stellen.
In einem ersten Schritt wurden vier text-basierte Indizes zur Erfassung möglicher relevanter Prozesse auf Ebene des individuellen Teilnehmers entwickelt. IDMP (Indegree Mitpatienten) beschreibt den relativen Anteil der Namensnennungen einer Person durch die anderen Gruppenteilnehmer; ODMP (Outdegree Mitpatient) beschreibt den relativen Anteil der Namensnennungen anderer Gruppenteilnehmer durch die jeweilige Person; IDT (Indegree Therapeut) beschreibt die Anzahl der Namensnennungen einer Person durch den Therapeuten und AKT die relative Aktivität einer Person (Wörter und Statements) im Verhältnis zu den anderen Gruppenteilnehmern. Die ersten Analysen anhand der Daten aus dem post-stationären Nachsorgeprogramm „Internet-Brücke“ der Panorama Fachklinik Scheidegg (n=601) zeigen mittlere Korrelationen der text-basierten Variablen mit ähnlichen Prozessen, die mittels Fragebögen erhoben wurden (z.B. Wie zufrieden sind Sie mit der Rückmeldung von den anderen Gruppenteilnehmern – IDMP, r=.46; Aktive-Kompetenz – AKT, r=.49). Die textbasierten Variablen eignen sich dabei gut zur Identifizierung von Sitzungen, die dem Patienten nicht oder nur wenig geholfen haben.
Im nächsten Schritt wird mittels einer randomisierten Studie evaluiert, inwieweit die Rückmeldung der Prozesse an den Therapeuten die Gruppenprozesse in der folgenden Sitzung positiv beeinflussen kann.
Literatur:
Haug, S., Strauß, B. & Kordy, H. (2007). Neue Medien - neue Möglichkeiten in der Psychotherapie-Prozessforschung: Feedback von textbasierten Prozessvariablen in Internet-Chatgruppen. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 57, 311- 318.
Haug, S., Strauß, B., Gallas, C. & Kordy, H. (2008). New prospects for process research in group therapy: text-based process variables in psychotherapeutic Internet-chat groups. Psychotherapy Research, 18, 88-96.
Prozesse in Internet-Chat- und Face-to-Face-Gruppenpsychotherapien
S. Haug, V. Golkaramnay & H. Kordy, in Zusammenarbeit mit der Panorama Fachklinik Scheidegg
Rückfallprophylaxe- und Erhaltungsprogramme via Internet-Chat sind eine erfolgsversprechende Möglichkeit um bestehende Gruppen auch über Distanzen längerfristig aufrecht zu erhalten und therapeutisch zu nutzen. Im Vergleich zu Face-to-Face-Gruppen sieht man in Online-Gruppen die anderen Gruppenmitglieder nicht und auch nonverbale Signale (Mimik, Gestik...) können nicht wahrgenommen werden. Andererseits bietet die Chat-Kommunikation evtl. andere Vorteile wie z. B. dass offener über persönliche oder schambesetzte Themen gesprochen werden kann.
Die gruppenpsychotherapeutischen Prozesse von 11 Patienten, die sowohl an Face-to-Face-Gruppen während der stationären Behandlung in der Panorama-Fachklinik Scheidegg als auch an einem 12-wöchigen Internet-Chat-Nachsorgeprogramm teilgenommen haben, wurden verglichen. Dabei wurden die aktive Kompetenz, und die emotionale Bezogenheit zur Gruppe mit Hilfe des Stuttgarter Bogens sowie die Einschätzung zur Zufriedenheit mit der Sitzung und inwieweit die Gruppensitzung hilfreich war, jeweils nach der Sitzung erfasst. Insgesamt waren die Teilnehmer zufriedener mit den Chat-Gruppensitzungen und stuften diese auch als hilfreicher ein als die Face-to-Face-Gruppen. Auch die aktive Kompetenz und die emotionale Bezogenheit zur Gruppe waren ausgeprägter während der Chat-Nachbetreuung als während des stationären Aufenthaltes. Eine Auswertung auf Itemebene des Stuttgarter Bogen ergab, dass sich die Patienten in den Chat-Gruppen, im Vergleich zu den Face-to-Face-Gruppen, tendenziell impulsiver, lebhafter, behaglicher, wohler, durchblickender, souveräner, selbstsicherer und spontaner fühlten. Inwieweit diese Unterschiede auf das Kommunikationsmedium oder auf die verbesserte psychische Verfassung bzw. die vermehrte Gruppenerfahrung in der nachstationären Zeit zurückzuführen sind, kann aufgrund dieser Daten nicht beantwortet werden. Trotzdem zeigt sich, dass Internet-Chat-Gruppen zumindest ähnlich hilfreich wie traditionelle Face-to-Face-Gruppen sind und für bestimmte Patienten möglicherweise eine bessere Möglichkeit bieten, sich den anderen Gruppenmitgliedern mitzuteilen.
Literatur:
Haug, S., Sedway, J. & Kordy, H. (in press). Group processes and process evaluations in a new treatment setting: inpatient group psychotherapy followed by internet-chat aftercare. International Journal of Group Psychotherapy.





