Medizinische Psychologie


Freiheit und Kreativität in der medizinpsychologischen Lehre


von Rolf Verres, Jochen Schweitzer und Tewes Wischmann

 

Unsere Grundfrage

Die medizinpsychologische Lehre findet unter folgenden Kontextbedingungen des vorklinischen Studienabschnittes statt: ein stark verschultes Studium, das wenig Luft zum selbstbestimmten, interessegeleiteten Studieren lässt; eine Hauptvorlesung und ein mengenmäßig geringes medizinpsychologisches Pflichtkontingent (Kurs von 28 Semesterwochenstunden und Seminar von 14 Semesterwochenstunden), das unter dem Gesichtspunkt seiner Physikumsrelevanz (60 von 320 Prüfungsfragen) oft unterschätzt wird; schließlich die geringe klinische Erfahrung fast aller Studierenden. Unsere Kurse dienen daher eher der Sensibilisierung für psychologische Aspekte ärztlichen Handelns als der tatsächlichen Einübung klinischer Kompetenz.
Die Grundfrage, die wir uns stellen, lautet: Wie können wir unter diesen Bedingungen eine Lehre etablieren, die psychologische Kompetenz für die spätere ärztliche Berufstätigkeit zumindest schon einmal anregt und die Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung in einer für Medizinstudierende anschlussfähigen Form macht?

  

Unser Lösungsversuch

„Wahlfreiheit im Pflichtpraktikum“. Wir bieten nach der Hauptvorlesung in den Kursen eine thematisch sehr breite Veranstaltungspalette an. Sie reicht vom Repetitorium als gezielter Physikumsvorbereitung bis zum Trainingskurs „Ärztliche Gesprächsführung“.
Zur Information über die Inhalte der Lehrveranstaltungen und die Modalitäten des Scheinerwerbes bieten wir verschiedene Möglichkeiten an: Die Kurzbeschreibungen der Lehrveranstaltungen – einschließlich ihres Bezugs zum Gegenstandskatalog – über unsere Internetseite www.medpsych.uni-hd.de den Studierenden jedes Semester aktualisiert zur Verfügung gestellt.
 
Workshops interdisziplinär öffnen.
Unsere (freiwilligen) Workshops stehen grundsätzlich außer Medizinstudenten auch Studierenden anderer Fachrichtungen (z.B. Psychologie, Erziehungswissenschaften, Theologie) und Fachkräften im Gesundheitswesen offen. Diese Mischung fördert die Kooperationsbereitschaft und findet auch bei den Studierenden Anklang.
 
Praxiskompetentes Kursleiterteam.
Die meisten Mitarbeiter haben in klinischen Einrichtungen gearbeitet und besitzen eine abgeschlossene oder weit fortgeschrittene psychotherapeutische Weiterbildung. Zudem wirken klinisch erfahrene Kollegen, wie z.B. drei niedergelassene und psychotherapeutisch weitergebildete Allgemeinärzte, ein Chefarzt einer Suchtklinik, ein Oberarzt einer Kinderklinik, niedergelassenen Psychotherapeutinnen u. a. als Lehrbeauftragte bzw. Tutoren in der Lehre mit. Dies erleichtert es, die klinisch noch meist unerfahrenen Studenten in wichtige Praxisfragen einzuführen. In jedem Semester findet eine ausführliche Kursleiterbesprechung statt. Das kulturelle Rahmenprogramm unseres Fördervereins „Zukunftsmusik“ ist als weiteres Element der Förderung von „Gruppengeist“ im Team wirksam geworden.

Kooperation mit Nachbarabteilungen.
Durch studentische Initiative ist 1996 ein Vorlesungsverbund „Psychosoziale Grundlagen der Medizin“ entstanden, an dem wir uns gemeinsam mit den Fächern Klinische Sozialmedizin, Theorie und Geschichte der Medizin sowie Allgemeinmedizin beteiligen. Hier werden Themen oft durch zwei, manchmal drei Dozenten im „Team-Teaching“ aus verschiedenen Perspektiven behandelt; das Semesterprogramm wird ebenfalls zwischen den Fächern abgestimmt. Nach anfänglicher Begeisterung wurden uns auch die Schwierigkeiten und Grenzen von soviel Interdisziplinarität deutlich. Inzwischen sind wir wieder zu etwas größerer Planungsautonomie der Fächer zurückgekehrt, sind aber dem Grundprinzip der Vorlesung im Fächerverbund treu geblieben.
Anregend ist vor allem die vermehrte Kooperation mit der Allgemeinmedizin. Die Allgemeinmedizin hat neben ihrer Teilnahme an der Vorlesung „Psychosoziale Grundlagen der Medizin“ auch ein breites Hospitationsprogramm gestartet, das bei Studierenden großes Interesse findet. Praxisbeobachtungen aus diesen Hospitationen werden mit einem Leitfaden zur Gesprächsführung vorbereitet und teilweise auch in unseren Kursen nachbereitet.

Evaluation der Lehre.
Seit dem WS 2005/06 werden die Veranstaltungen der Medizinischen Psychologie/Soziologie von den Studierenden online evaluiert. Die Evaluation umfasst Organisation der Veranstaltung, Vorbereitung, Engagement und Verständlichkeit des/der Dozenten/in, Mitbeteiligung der Studierenden, ausreichende und produktive Diskussionsmöglichkeit, sinnvolle Lerninhalte, Einschätzung der Lernatmosphäre, Ausmaß der Stoffmenge, unterrichtsausfall sowie eine Gesamtbeurteilung in Form einer Schulnote. In Freifeldern gibt es die Möglichkeit der indivduellen Rückmeldung zu den Themen “Das fand ich gut”, “Das hat mir gefehlt” und “Das könnte man besser machen”. Diese Evaluation wird zum Semesterende für alle Veranstaltungen den jeweiligen internen und externen Dozenten und Dozentinnen übermittelt (zusammen mit der Durchschnittsbewertung aller Dozentinnen und Dozenten des gleichen Veranstaltungstyps).
Da in der Medizinischen Psychologie selbstverständlich stets auch die gruppendynamischen Prozesse beachtet werden, ergibt sich im übrigen eine kontinuierliche interaktive Evaluation unseres „impacts“ dadurch, dass kritische Bemerkungen der Teilnehmer unmittelbar aufgegriffen und berücksichtigt werden, so dass es kaum passieren kann, dass ein Lehrender über die Köpfe der Lernenden hinweg doziert. Bei den freien Mitarbeitern in der Lehre handelt es sich ausschließlich um sehr erfahrene Therapeuten und Therapeutinnen, die ihren eigenen Umgang mit Patienten (wie auch mit den Studierenden) im Sinne des Lernens am Modell (z.B. mit Videofilmen oder Simulationsübungen) vorführen und selbstkritisch zur Diskussion stellen.
 
Selbsterfahrungsangebote.
Die Breite der im Dozententeam vertretenen psychotherapeutischen Ansätze erleichtert es, methodisch differenzierte Selbsterfahrungsangebote zu machen, die mit unserer „Kundenorientierungs“-Philosophie konsistent sind. Neben den vielfältigen psychologischen Seminaren bieten zwei Musiktherapeuten Workshops mit Stimme, Musik und veränderten Bewusstseinszuständen an. Ein Psychoanalytiker (nach C. G. Jung) bietet seit Jahren einen Einführungsworkshop in die Analytische Psychologie an.
 
Das Heidelberger Lesebuch Medizinische Psychologie.
Ein schwarz auf weiß nachlesbarer Hintergrundtext, der den Studenten helfen kann, die Fülle unserer Kursangebote einzuordnen und nachträglich auch gut zu verarbeiten, fehlte uns als Ergänzung der vielen z. T. zu theoretischen-medizinpsychologischen Lehrbücher und Repetitorien. Deshalb haben Mitarbeiter der Abteilung ihre Schwerpunkte und weitere für unsere Lehre wichtige Themen in einem Reader zusammengestellt, der nicht ausschließlich am Gegenstandskatalog orientiert ist, sondern in dem auch andere wichtige medizinpsychologische Themen wie Salutogenese, Compliance und Umgangsmöglichkeiten mit Tod und Sterben beschrieben werden (Verres et al. 1999, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen).
 
Forum Medizinische Psychologie.
Seit dem Sommersemester 1999 bieten wir ein Forum Medizinische Psychologie an. Dabei handelt es sich um ein studienbegleitendes Curriculum für Studierende der Medizin im klinischen Studienabschnitt und im Praktischen Jahr. Es handelt sich um eine geschlossene Gruppe von 16 Studierenden, die von unserer externen Kursleiterin Uta Sonneborn geleitet wird. Die Studierenden haben hier die Gelegenheit, ihre im Klinikalltag gesammelten Erfahrungen, Fragen und Konflikte in die Gruppe einzubringen und in Supervisionen zu vertiefen. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt dabei in Selbsterfahrung, Patientensupervision (Balintarbeit) und Erlernen von Entspannungsübungen sowie ergänzender theoretischer Wissensvermittlung (z. B. Kommunikationsmodelle, Wahrnehmungsschulung, Übertragung / Gegenübertragung, biopsychosoziales Modell) und Elementen der Zukunftswerkstatt. Das Forum findet sehr großen Anklang bei den Studierenden, so dass nahezu alle Gruppenteilnehmer auch bei persönlichen Veränderungen (z. B. Umzug wegen Arbeitsplatzwechsel) über den gesamten Zeitraum am Forum teilnehmen. Die Gruppe trifft sich über zwei Jahre monatlich während der Vorlesungszeit und an zwei Wochenenden (insgesamt 120 Stunden).

 

Zur Philosophie unserer Lehrtätigkeit

 „Es gibt ein Leben außerhalb des Gegenstandskatalogs“. Unsere Erfahrung lehrt uns: Wir müssen unsere Lehre nicht ausschließlich am Physikums-Katalog orientieren. Ausgeprägt erfolgt diese Vorbereitung neben der Vorlesung in einem freiwilligen, stark besuchten Repetitorium im vierten Semester. Darüber hinaus halten wir es für notwendig, die Studierenden für die praxisorientierten Bereiche der Medizinischen Psychologie zu interessieren, die durch den Gegenstandskatalog nicht bzw. nicht adäquat abgebildet werden. Dazu dienen auch Lehrveranstaltungen, die weniger an der Vermittlung von Fakten als am Anregen von Wissen-wollen und an Selbsterfahrung orientiert sind.
 
„Skepsis ist nutzbar“.
In Lehrveranstaltungen kann es wichtig sein, Vorbehalten gegenüber der Psychologie mit Respekt zu begegnen. Wie in der Beratung bzw. Psychotherapie helfen Transparenz im Vorgehen sowie die Thematisierung vorhandener (negativer wie positiver) Vorurteile gleich zu Beginn der Lehrveranstaltung, eine für alle Beteiligten konstruktive Arbeit zu ermöglichen. Zudem lässt sich dadurch praxisnah demonstrieren, wie auch bei Vorurteilen anregende zwischenmenschliche Begegnungen zustande kommen können.
 
Anregen statt durcharbeiten – Verführen statt verpflichten.
Wir möchten den Studierenden der Medizin eher Appetit auf eine weitere Beschäftigung mit dem Seelenleben von Menschen machen, als ihre unterrichtliche „Vollverpflegung“ anzustreben. Sie werden später das aufgreifen, was sie als hilfreich und interessant erlebt haben. Als Ergänzung zum Pflichtstoff wird ein Teil der Studierenden mehr von Selbsterfahrungsaspekten, ein anderer mehr von einem theoretischeren Kurs oder Seminar profitieren. Deshalb sind uns Selektivität und thematische Wahlfreiheit wichtig, selbst wenn dies mit der Nebenwirkung und dem Risiko verbunden ist, dass manche Studierende sich hinterher darüber beklagen, in der begrenzten Zeit nur einige Aspekte der medizinischen Psychologie kennengelernt zu haben und sich das theoretische Prüfungswissen weitgehend selbst erarbeiten zu müssen. Der Unterschied zwischen Schule und Universität wird so hoffentlich erfahrbar.
 
Praxisorientierte Lehre heißt: Das therapeutische Tun möglichst anschaulich darstellen.
Einige unserer Dozenten folgen in ihren Pflichtkursen dem Modell der Handwerkerlehre. Zunächst zeigen wir möglichst konkret unsere eigene Arbeit über Video oder über Live-Interviews mit Patienten in Anwesenheit der Studenten, z.B. bei Familientherapien, oder in Simulationen von Arzt-Patient-Gesprächen. Oder es berichten Gäste von ihrer Arbeit z.B. in einer genetischen Beratungsstelle oder in einer homöopathisch orientierten Allgemeinpraxis. Erst danach erklären wir, warum wir das so machen (Theorie). Im dritten Schritt laden wir die Studierenden ein, auch mit dem eigenen Kommunikationsverhalten zu experimentieren.
 
Geplante Vernetzungen der Lehre.
Die Gründung des Zentrums für psychosoziale Medizin am Klinikum der Heidelberger Universität im Dezember 2004 mit den Abteilungen Medizinische Psychologie, Innere Medizin II und Psychosomatik, Familientherapie, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie wird dazu beitragen, dass in Zukunft alle psychologisch fundierten Lehrveranstaltungen in Vorklinik und Klinik aufeinander aufbauen und von den Studierenden als eine Einheit wahrgenommen werden können. Dazu gehört bspw. die Einführung eines "Basiskurses Anamnese und klinische Untersuchung" (BAKU) ab dem 2. vorklinischen Semester zum SS 2009.

AAA Print PDF Mail