Seite 42-43 - KlinikTicker 03

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MENSCHEN IM KLINIKUM
MENSCHEN IM KLINIKUM
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„Wenn ich etwas angehe, dann
ziehe ich es durch!“
KRANKENSCHWESTER VALERIA MARSCHALL ERFÜLLTE SICH EINEN TRAUM UND
MACHTE EINE BERGWANDERUNG IM HIMALAYA – MIT 62 JAHREN
Sie arbeiten Vollzeit als Krankenschwester auf
einer Intensivstation; im Urlaub wandern Sie im
Himalaya, statt die Füße hochzulegen. Woher
nehmen Sie die Energie?
Ich liebe meine Arbeit. Sie ist zwar sehr anstrengend,
aber ich gleiche das aus. Ich schlafe ausgiebig, laufe
gerne im Freien und unternehme viel mit meinem
Freundeskreis. Ich gestalte meine Freizeit so, dass
sie mir Freude macht. Außerdem fühle ich mich im
Team der Intensiv 2, in dem ich schon seit 25 Jahren
arbeite, sehr wohl. Hier kenne ich die Kollegen und
sie kennen mich. Ich werde von ihnen sehr gut unter­
stützt.
In 45 Jahren hat sich in Medizin und Kranken-
pflege viel getan. Ist die Arbeit heute leichter?
Als ich anfing, mussten wir vieles noch per Hand
machen, z.B. bei manchen Patienten jede Stunde den
Blutdruck messen. Heute macht die Technik zwar
vieles leichter, aber dafür müssen wir mehr Leistung
Drei Fragen an Valeria Marschall
E
rzählt hat sie zunächst niemandemvon ihrem
Plan. Zu groß war die Sorge, dass alle in gutge-
meinter Sorge versuchen würden, es ihr aus-
zureden. Schließlich gibt es vernünftige Gründe, die
dagegen sprechen, mit 62 Jahren zumerstenMal eine
Bergwanderung im Himalaya in bis zu 5.545 Metern
Höhe zu unternehmen. „Aber ich mag Herausforde-
rungen“, sagt Valeria Marschall, die seit 45 Jahren
als Krankenschwester am Klinikum arbeitet. „Ich
betreue so viele schwer kranke Patienten, die sagen
‚Hätte ichdoch...’. UnddieseWanderungwar dieTraum­
reise meines Lebens.“
Auslöser waren Fotos ihrer Kollegin Claudia Moderow,
die 2004 in den Himalaya gereist war. Ab diesem Mo­
ment ließ es sie nicht mehr los. „Zuerst habe ich es mir
nicht zugetraut, dachte ‚Das schaffen nur junge Leute,
die regelmäßig bergsteigen’“, erinnert sich die heute
64-Jährige, die mit ihren Freunden gelegentlichWander­
touren in den Alpen unternimmt. Doch dann begann sie,
sich im Internet zu informieren, Berichte zu lesen und
mit Anbietern zu telefonieren. Schließlich fand sie einen
Reiseveranstalter, der mehr Zeit für die einzelnen Etap­
pen veranschlagte. „Dann habe ich es gewagt.“ Im Feb­
ruar 2013 saß sie imFlieger RichtungKathmandu, Nepal.
ImAlter von 62
Jahren unternahm die
gebürtige Inderin eine
Bergwanderung im
Himalaya und erfüllte
sich damit einen
Lebenstraum. Foto:
privat
Valerias Marschall
arbeitet auf der
neurologischen
Intensivstation der
Kopfklinik, seit 1969
ist sie Krankenschwes-
ter amKlinikum.
Wer Valeria Marschall kennt, wundert sich nicht über
diese Entschlossenheit. „Ich bin schon immer eine Drauf­
gängerin“, sagt die gebürtige Inderin. „Wenn ich etwas
angehe, dann ziehe ich es auch durch.“ Diese Einstellung
führte sie bereits 1969 nach Deutschland. Damals stu­
dierte sie in Ranchi im Osten Indiens Erdkunde und
Hindi, als ihr eine Stellenausschreibung aus Heidelberg
in die Hände fiel: Das Klinikum suchte dringend Kran­
kenschwestern und -pfleger. Sie zögerte nicht lange und
bewarb sich. Ihre Eltern fragte sie vorher nicht.
Im Alter von 19 Jahren reiste sie nach Deutschland aus,
wo sie anfangs – trotz Deutschunterricht in Indien – kein
Wort verstand. „Es war ein Kulturschock. Das Essen hat
nicht geschmeckt, ichhabe starkabgenommen. ZumGlück
waren wir insgesamt 15 Schülerinnen aus Indien, das
hat es leichter gemacht.“ Valeria Marschall ist dem Kli­
bringen: Jede Minute einer Schicht ist gefüllt, schon
allein Gerätekontrolle und Qualitätssicherung kosten
viel Zeit. Eigentlich hat sich während meiner Zeit im
Beruf alles geändert, vor allem Leistungsdruck und
Anspruch sind enorm gestiegen. Die Entwicklung geht
sehr schnell und man muss am Ball bleiben. Wie bei
der Einführung der Computer: Das war für mich eine
Herausforderung; es hat mich geärgert, dass ich es
nicht kann. Also habe ich es gelernt.
In diesem Jahr haben Sie den Grand Canyon
besucht. Konnte der Sie nach dem Himalaya über-
haupt noch beeindrucken?
Natürlich hat der Grand Canyon mich beeindruckt.
Er hat einen ganz besonderen Reiz, ist sehr abwechs­
lungsreich. Vergleichen kann man beides aber nicht.
nikum treu geblieben und arbeitet heute in der neurolo­
gischen Intensivstation der Kopfklinik – und das Voll­zeit
in Früh-, Mittag- und Nachtschicht.
Unnötig zu sagen, dass sie die Höhenwanderung auf den
Kala Patthar, ein Berg im Südosten Nepals in direkter
Nachbarschaft des Mount Everest, von Anfang bis Ende
durchgehalten hat – in ihrem Tempo: „Ich hatte großar­
tige Guides, die mich langsam laufen ließen und mich
sehr gut betreut haben.“ Dass sie immer etwas länger
brauchte als ihre Mitwanderer, erwies sich sogar als
Glücksfall. So bot sich ihr ein einmaliger Ausblick auf
den in der Abendsonne schimmernden Mount Everest.
„Nur das habe ich gewollt. In diesem Moment war ich
der glücklichste Mensch auf Erden“, sagt sie. Die ande­
ren Tourteilnehmer – zu dem Zeitpunkt längst wieder
auf demRückweg – baten sie später um ihre Fotos. 
–tb