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Medizinische Psychologie

Ergebnisse des Projektes "Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde" II

1. Teilprojekt "Beratung":

 

Anschlußvorhaben im BMBF-geförderten Forschungsverbund "Psychosomatische Diagnostik und Beratung/Therapie bei

Fertilitätsstörungen" (Koordinator: Prof. Dr. Strauß, Jena). Förderkennzeichen: 01 KY 9606

 

Projektleitung: Prof. Dr. Rolf Verres1, Dr. Tewes Wischmann1, Prof. Dr. Ingrid Gerhard2

Mitarbeit: Dipl.-Psych. Dr. Heike Stammer1, Dr. Horst Scherg1, Prof. Dr. Thomas Strowitzki2

1 Abt. für Medizinische Psychologie, Psychosomatische Klinik, Universität Heidelberg

2 Abt. für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen, Frauenklinik, Universität Heidelberg

 

Dauer des Vorhabens: 1. Juni 1997 - 30. November 2000

 

 

In diesem Teilprojekt sollte das innerhalb des Erstprojektes entwickelte Konzept der psychosomatischen Beratung und Kurzpsychotherapie von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch an verschiedenen Patientengruppen überprüft und weiterentwickelt werden.

 

Der Vergleich der gegenüber dem Erstprojekt vom Umfang her erheblich erweiterten Gesamtdiagnostikgruppe (n > 900) mit den Normierungsstichproben des Fragebogens zur Lebenszufriedenheit und der SCL-90-R bestätigte das im Erstprojekt gewonnene Ergebnis der Entpathologisierung der Paare aus psychologischer Sicht: Bis auf die erhöhte Ängstlichkeit, Depressivität und Aggressivität der Frauen – diese Unterschiede wiesen nur kleine Effektstärken auf – gab es keine Auffälligkeiten bei den untersuchten Paaren aus psychopathologischer Sicht. Bemerkenswert waren noch die hohe Zufriedenheit der Frauen mit ihrer finanziellen Lage und ihrer Ehe bzw. Partnerschaft. Die Gesamtdiagnostikgruppe ist durch eine hohen Anteil von Akademikern gekennzeichnet: 27 % der Frauen und 40 % der Männer hatten studiert. Bei der Interpretation der Ergebnisse muß diese Spezifität unserer Stichprobe berücksichtigt werden.

Die 285 Paare unserer Stichprobe, die sich einer IVF-Behandlung unterzogen, unterschieden sich von den 697 Paaren der Restgruppe in erster Linie durch eine längere Kinderwunsch- und Behandlungsdauer (mit mittleren Effektstärken) sowie durch höhere Werte auf den Skalen „Selbstaufwertung“ und „emotionale Stabilisierung“ (mit kleinen Effektstärken). Ersterer Befund erscheint trivial, da bei längerer Kinderwunschdauer und insbesondere längerer Behandlungsdauer den Paaren vermehrt eine IVF-Behandlung empfohlen wird. Die höheren Werte auf den ersten beiden Skalen des FKW deuten darauf hin, dass für die Paare in IVF-Behandlung (auch durch die längere Kinderwunschdauer) das erhoffte Kind zu einem zentraleren Lebensinhalt geworden ist als bei den Paaren, die sich (noch) nicht dieser Behandlung unterziehen. In den anderen psychosozialen Variablen ergaben sich keine Unterschiede zwischen diesen Paargruppen, so dass davon ausgegangen werden kann, dass sich auch Paare, welche sich einer IVF-Behandlung unterziehen, aus psychopathologischer Sicht unauffällig zeigen.

 

377 Paare nahmen im Untersuchungszeitraum die Paarberatung in Anspruch und 35 Paare die Paartherapie. Von den Paaren, denen eine Paartherapie vorgeschlagen wurde, nahm nur jedes fünfte Paar das Angebot an – ein Hinweis, dass letztlich das Paar entscheidet, ob eine längerfristige Paartherapie notwendig ist oder nicht, und dass für einen großen Teil der Paare das niederschwellige Beratungsangebot ausreichend ist.

 

Zur Deskription der Merkmale von Paaren, welche die psychologische Beratung und die Paartherapie aufgesucht hatten, wurden alle beratenen Paare mit vollständigen Fragebogendaten (N=312) und die Paare der Paartherapie (N=35) den Paaren ohne Beratung und Therapie (N=660) gegenübergestellt. Die Paare, die die psychologische Beratung und insbesondere die Paartherapie wahrgenommen hatten, waren durch einen „zunehmenden Hilfebedarf“ gekennzeichnet. Die Unzufriedenheit mit der Gesundheit, die Berufsambivalenz, die Ursachenzuschreibung „subjektive Überforderung“ und insbesondere die Depressivität nahmen bei den Frauen zur Beratungsgruppe signifikant und zur Therapiegruppe noch einmal signifikant zu. Bei den Männern betraf dieses entsprechend die Unzufriedenheit mit der Ehe bzw. Partnerschaft und insbesondere die subjektive Ursachenzuschreibung „Partnerschaft/Sexualität“. Die Diskriminanzanalyse der Paardatensätze über die drei Gruppen ergab, dass vorwiegend die Merkmale der Frauen, die auf ihre deutliche emotionale Belastung und seelischen Stress hinweisen, massgeblich waren für die Inanspruchnahme von Beratung bzw. Therapie.

 

Zur quantitativen Auswertung der Effekte von Beratung und Paartherapie wurden drei voneinander unabhängige Gruppen gebildet, in denen von beiden Partnern vollständige Fragebogensätze vorhanden waren: 110 Paare, die ausschließlich die Beratung wahrgenommen hatten (=Beratungsgruppe), 34 Paare, die an Beratung und Paartherapie teilnahmen (=Therapiegruppe) und 23 Paare, die drei Monate auf die Beratung bzw. Paartherapie warteten (=Wartegruppe). Je intensiver die „Dosis“ der Behandlung war, desto stärker waren Akademiker in den Gruppen vertreten. Signifikante Unterschiede gab es in Bezug auf die medizinische Diagnoseeinteilung in den verschiedenen Gruppen. In anderen erhobenen soziodemographischen Merkmalen unterschieden sich die Paare der drei Untersuchungsgruppen nicht voneinander. Wesentliche Merkmale für die Akzeptanz der nach einer psychologischen Beratung angebotenen Paartherapie scheinen eine geringe Zufriedenheit der Frau mit der Sexualität sowie ein hoher Depressionswert der Frau zu sein. Die drei Untersuchungsgruppen unterschieden sich in den meisten psychosozialen Merkmalen, die zur Effektmessung erfasst wurden, vor Behandlungsbeginn nicht. Lediglich die Frauen der Therapiegruppe zeigten eine signifikant erniedrigte Zufriedenheit mit der Sexualität und die Frauen der Beratungsgruppe zeigten signifikant leicht erhöhte Aggressivitätswerte.

 

Durch die errechneten Effektstärken in den drei Treatmentgruppen ließen sich die Dosiseffekte akzentuiert beschreiben: Durch die zweistündige Beratung reduzierten sich bei den Frauen die globalen Zielgrößen Kinderwunschstärke und Kinderwunschbelastung deutlich. Die Zufriedenheit mit dem Beruf, die sich in der Wartegruppe stark verringerte, veränderte sich in der Beratungs- und Therapiegruppe kaum. Weitere Effekte ließen sich erwartungsgemäß durch das Beratungsangebot nicht erzielen. In der Therapiegruppe (zweistündige Beratung plus zehnstündige Paartherapie) konnten sowohl globale als auch spezifischere Effekte in die erwartete Richtung dargestellt werden: Die Kinderwunschstärke und die Belastung durch den unerfüllten Kinderwunsch konnten mit einer hohen Effektstärke gesenkt werden. Die sinkende Bedeutung des Kindes zur Selbstaufwertung und zur emotionalen Stabilisierung sowie die höhere Zufriedenheit mit der Gesundheit und mit der Freizeit bei den Frauen interpretieren wir als Stärkung des Selbstwertgefühls. Da sich die Männer im Vergleich mit den Frauen eher unauffällig im Bezug auf die getesteten symptomatologischen Merkmale zum Prä-Zeitpunkt zeigten, waren die Anzahl und die Stärke der Effekte erwartungsgemäß nicht besonders hoch. Bei der varianzanalytischen Beurteilung der Beratungs- und Therapieeffekte blieben die durch die Effektstärkenberechnung aufgezeigten Veränderungen nahezu verborgen: Überzeugend blieb die Reduktion der Kinderwunschstärke bei den Frauen. Zu erwähnen ist, dass die Teststärke in den drei Vergleichsgruppen aufgrund der geringen Stichprobengröße zur Aufdeckung statistisch signifikanter Effekte gering war.

 

Die inhaltsanalytische Auswertung der schriftlichen Rückmeldungen der Paare nach Beendigung des jeweiligen psychologischen Behandlungsangebotes ergab aufschlussreiche Hinweise für ein konstruktives Beratungsverhalten, auch wenn die Ergebnisse aufgrund der geringen Rücklaufquote für die Beratungsgruppe nicht ohne weiteres generalisierbar sind: Eine wesentliche Rolle spielte das Erleben der Gesprächssituation und zwar sowohl die Gestaltung der Gesprächsatmosphäre als auch die Empathie und das Verständnis der Therapeuten. Interessant ist sicher auch, wie wichtig den Paaren konkrete Anregungen und Ratschläge in der Beratung, aber auch in der Paartherapie waren. Auch die Möglichkeit psychologischer Gespräche an sich sowie ein Angebot an beide Partner wurde positiv in beiden Gruppen aufgenommen, wobei in der Paartherapie zusätzlich das gemischtgeschlechtliche Therapeutenteam als hilfreich erlebt wurde. Für einige Paare wäre eine größere Flexibilität des therapeutischen Settings in Bezug auf Frequenz und Dauer der Sitzungen wohl sinnvoller gewesen. Die Auswertung ergab ein differenziertes Bild in Bezug auf das Antwortverhalten der teilnehmenden Paare mit einem großen Anteil von Rückmeldungen sowohl positiven als auch kritischen Inhalts.

 

In den katamnestischen Rückmeldungen fiel auf, dass der subjektive Eindruck von dem Berater und der Gesprächssituation in der Rückschau auf die in der Regel einige Zeit zurückliegende Gespräche in Bezug auf eine positive Einschätzung der Beratungssituation keine besondere Rolle mehr spielte. Entscheidend war jetzt nur noch, ob Erkenntnisse über sich selbst bzw. die Partnerschaft erlangt wurden und das Gefühl einer emotionalen Entlastung durch das Gespräch wahrgenommen wurde. Wenn die Beratung negativ eingeschätzt wurde, spielte der subjektive Eindruck des Paares von dem Berater und der Gestaltung der Gesprächssituation weiterhin eine zentrale Rolle. Als Resümee der schriftlichen Rückmeldungen ließe sich festhalten, dass die Gestaltung einer positiven Gesprächssituation sowie empathisches Beraterverhalten offensichtlich die „Eintrittskarte“ für ein konstruktives Beratungsgespräch ist.

 

Die Ergebnisse der katamnestischen Erhebung nach 1½ Jahren deuten darauf hin, dass die durch Paarberatung und -therapie erzielten entlastenden Effekte mittelfristig Bestand haben, allerdings auch die kritischere Einschätzung der Partnerschaft durch die Frauen. Hinzu kam die höhere Unzufriedenheit der Männer mit ihrer eigenen Person.

 

Copyright © für den Text: Dr. T. Wischmann 2001

 

Literatur:

 

 

  • Kinderwunsch-Sprechstunde. Eine Studie zu psychosozialen Aspekten ungewollter Kinderlosigkeit. Verlag Peter Lang, Frankfurt/Main.
  • Wischmann T, Stammer H, Scherg H, Gerhard I, Verres R (2000): Psychosoziale Merkmale von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch aus dem Projekt "Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde". In: Brähler E, Felder H, Strauß B (Hrsg.): Psychosoziale Aspekte der ungewollten Kinderlosigkeit. Jahrbuch der Medizinischen Psychologie Bd. 17, Hogrefe, Göttingen, S. 245-261.
  • Stammer H, Verres R, Wischmann T (2004): Paarberatung und -therapie bei unerfülltem Kinderwunsch. Hogrefe, Göttingen

 

 


2. Teilprojekt "Fortbildung":

 

Anschlußvorhaben im BMBF-geförderten Forschungsverbund "Psychosomatische Diagnostik und Beratung/Therapie bei

Fertilitätsstörungen" (Koordinator: Prof. Dr. Strauß, Jena). Förderkennzeichen: 01 KY 9606

 

Projektleitung: Prof. Dr. Rolf Verres1, Dr. Tewes Wischmann1, Prof. Dr. Ingrid Gerhard2

Mitarbeit: Dipl.-Psych. Dr. Heike Stammer1, Karin Siefert1, Monika Christ1, Prof. Dr. Thomas Strowitzki2

1 Abt. für Medizinische Psychologie, Psychosomatische Klinik, Universität Heidelberg

2 Abt. für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen, Frauenklinik, Universität Heidelberg

 

Dauer des Vorhabens: 1. Juni 1997 - 30. November 2000

 

 

In diesem Teilprojekt sollte der psychologische Beratungsbedarf bei ungewollter Kinderlosigkeit aus der Sicht von niedergelassenen Gynäkologen als auch von betroffenen Paaren untersucht werden. Daraus entwickelte Fortbildungsveranstaltungen sollten durchgeführt und evaluiert werden.

 

Im Teilprojekt 2 „Fortbildung“ wurde zunächst der Versorgungsbedarf an psychosozialer Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch aus der Sicht der betroffenen Paare sowie der niedergelassenen Gynäkologen erfaßt. Dazu wurde eine Fragebogenumfrage bei allen niedergelassenen Gynäkologen im Kreis „Unterer Neckar“ und bei allen reproduktionsmedizinischen Zentren und ProFamilia-Beratungsstellen bundesweit durchgeführt. Aufgrund des zu geringen Rücklaufs dieser Fragebogenumfrage (ca. 10 %) wurden die über 200 niedergelassenen Gynäkologen des Kreises „Unterer Neckar“ von einer ärztlichen Projektmitarbeiterin telefonisch ausführlich interviewt. Durch die persönliche Ansprache konnten über 85 % der kontaktierten Frauenärzte zur Teilnahme am Telefoninterview gewonnen werden. Die Ergebnisse dieser telefonischen Umfrage entsprechen weitgehend denen der Studie von Bengel et al. (1992): Im Mittel wird der Anteil der Patientinnen mit Fertilitätssproblemen bei ca. 5 % gesehen. Der Bedarf an psychosozialer Kinderwunsch-Beratung wird bei durchschnittlich der Hälfte dieser Patientinnen angenommen, wobei 30 % der befragten Ärzte bei mehr als zwei Drittel der Patientinnen eine Beratung für notwendig hielt und 40 % bei weniger als ein Drittel. Von den befragten Ärztinnen wurde ein hoher Beratungsbedarf der Patientinnen doppelt so häufig angenommen wie von ihren männlichen Kollegen. Wie in der Studie von Bengel et al. sahen die meisten Interviewten eine psychologische Beratung bei Mißerfolg der reproduktionsmedizinischen Behandlung für notwendig an, ein geringerer Prozentsatz bei Diagnosestellung bzw. Behandlungsbeginn. Bei einem Teil der befragten Ärzte wurde die psychologische Beratung als alternativ zur medizinischen Behandlung gesehen, dass heißt als nicht sinnvoll bei Vorliegen organischer Ursachen der Kinderlosigkeit. Lange Dauer der fortpflanzungsmedizinischen Behandlung sowie erkennbare Partnerkonflikte waren die am häufigsten genannten Überweisungsgründe in eine psychologische Kinderwunsch-Beratung. Ca. 40 % der befragten Frauenärzte sahen für sich keinen Fortbildungsbedarf zu diesem Thema. Von den an Fortbildung interessierten Ärzten wurden insbesondere pragmatische Hinweise zu Gesprächstechniken gewünscht, weiterhin Informationen über die „Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde“, insbesondere deren naturheilkundlicher und psychologischer Teil. An dritter Stelle wurde der Wunsch nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen über psychogenetische Aspekte von Fertilitätsstörungen genannt.

 

In den Telefoninterviews mit einer regional begrenzten Zahl von Beratungsstellen wurde deutlich, dass überwiegend nur ProFamilia-Beratungsstellen, Adoptionsvermittlungsstellen und Frauenzentren mit dem Problem ungewollter Kinderlosigkeit bei ihrem Klientel konfrontiert werden, und dieses auch nur selten. Psychosoziale Probleme in diesem Zusammenhang werden nur äußerst selten in den befragten Beratungsstellen thematisiert. Der tatsächliche Versorgungsbedarf an psychosozialer Kinderwunsch-Beratung bei Paaren, die sich nicht in eine medizinische Diagnostik oder Therapie begeben, bleibt auch nach unserer Umfrage unklar. Nach den – allerdings nicht repräsentativen – Auskünften der befragten Beratungsstellen lässt der größte Teil der Kinderwunschpaare zumindestens eine medizinische Diagnostik vornehmen. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass im ländlichen Raum ein Teil der Paare keine weitergehenden medizinischen Maßnahmen mehr ergreift.

 

Um den Bedarf an psychosozialer Kinderwunsch-Beratung auch aus der Sicht der betroffenen Paare zu erheben, wurden sowohl eine Internetumfrage als auch eine Reihe von persönlichen Patienteninterviews durchgeführt. Die Internetumfrage wurde im Verlauf einen Jahres von 109 Personen beantwortet (überwiegend von Frauen). An den Interviews nahmen 67 PatientInnen der Kinderwunsch-Sprechstunde der Universitätsfrauenklinik Heidelberg teil (auch hier überwiegend Frauen). Die Ergebnisse der PatientInneninterviews erscheinen aufgrund der geringen Selektion dieser Stichprobe besser generalisierbar als die Ergebnisse der Internetumfrage.

 

Im Gegensatz zu den Annahmen der interviewten niedergelassenen Frauenärzte wünschte die Mehrzahl der Befragten in der Internetumfrage das Angebot oder die Vermittlung von mehr Informationen schon zu Beginn der Behandlung, aber auch in Krisensituationen. Etwas weniger häufig wurde die Beratung vor invasiven medizinischen Maßnahmen und nach erfolgloser Behandlung gewünscht. Generell wünschen Kinderwunsch-Paare von den behandelnden Gynäkologen eine offenere und umfassende Aufklärung über die reproduktionsmedizinische Therapie und deren Risiken und Erfolgsaussichten. Für die ca. 40 % der Teilnehmer der Internetumfrage, die Gründe gegen eine psychologische Kinderwunsch-Beratung angaben, standen äußere Gründe (wie mangelnde Verfügbarkeit oder Kosten) und die Angst vor Stigmatisierung sowie zusätzlicher emotionaler Belastung und Fremdbestimmtheit gegen das Aufsuchen einer solchen Beratung im Vordergrund. Ein Teil der Befragten ging auch von genügend eigener Bewältigungskompetenz aus.

 

Zu ähnlichen Ergebnissen führte die Auswertung der persönlichen Patienteninterviews: Als Ressourcen zur Bearbeitung seelischer Probleme bei ungewollter Kinderlosigkeit wurde in erster Linie der Partner genannt, dann der behandelnde Frauenarzt und schließlich Freunde und die Herkunftsfamilie. Professionelle Beratungsmöglichkeiten und Selbsthilfegruppen wurden von den interviewten Paaren deutlich weniger zur Bewältigung in Erwägung gezogen. Noch stärker als in der Internetumfrage wurden in den Paienteninterviews Befürchtungen in Bezug auf die psychologische Beratung benannt: Fast ein Drittel der Befürchtungen betrafen eine mögliche Stigmatisierung beim Aufsuchen einer psychosozialen Kinderwunsch-Beratung, ca. 20 % eine emotionale Labilisierung. In einem Fünftel der Nennungen der Befragten wurden ausreichende eigene Bewältigungskompetenz angegeben, so dass eine psychologische Beratung für sich selbst nicht für notwendig erachtet wurde. 20 % der Gründe gegen die Inanspruchnahme einer psychosozialen Kinderwunsch-Beratung ließen Informationsdefizite erkennen, d. h. die Interviewten hatten keine genaue Vorstellung von Ablauf und Zielen der Beratung. Auch von den interviewten PatientInnen wurde häufig angenommen, dass psychologische Beratung nur bei nicht vorliegenden organischen Störungen und bei Behandlungsmißerfolg ihren Platz hätte.

 

Innerhalb des Erst- und des Anschlußprojektes der „Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde“ wurden 13 Fortbildungsveranstaltungen zu psychosozialen Aspekten bei Fruchtbarkeitsstörungen durchgeführt. Diese wurden von insgesamt über 290 Personen besucht. Die größte Teilnehmergruppe stellten niedergelassene GynäkologInnen dar, gefolgt von in Beratungsstellen (wie ProFamilia und Adoptionsvermittlungstellen) tätigen BeraterInnen (ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen und PsychologInnen) und niedergelassenen PsychotherapeutInnen. Über drei Viertel der TeilnehmerInnen waren Frauen. 10 dieser Fortbildungen wurden mittels eines Rückmeldebogens evaluiert. Als beste Form der Fortbildung hat sich ein Vortrag zu den psychologischen Aspekten ungewollter Kinderlosigkeit mit Diskussionsmöglichkeit bewährt, an den sich fakultativ ein vertiefender Workshop mit Bearbeitung von Fallbeispielen anschließt. Eine Supervisionsgruppe oder eine angeleitete Gesprächsgruppe mit Kinderwunsch-Paaren wurde von den FortbildungsteilnehmerInnen nur selten gewünscht. Inhaltlich wurde in den Fortbildungen in erster Linie die Vermittlung konkreter Gesprächsführungstechniken gewünscht, aber auch ein Austausch zu ethischen und rechtlichen Aspekten der Reproduktionsmedizin.

 

Anders als im telefonischen Ärzteinterview wurde von den FortbildungsteilnehmerInnen eine psychosoziale Kinderwunsch-Beratung während der gesamten medizinischen Therapie für notwendig erachtet und nicht erst nach gescheiterter Therapie. Wie die Ergenisse der Patienteninterviews und der Internetumfrage zeigten, entspricht dieses auch dem Wunsch der meisten betroffenen Paare. Eine Nachbefragung nach Fortbildung ergab Hinweise darauf, dass der Aspekt der Entpathologisierung der Kinderwunschpaare aus psychologischer Sicht ein anhaltender Effekt der Fortbildung war.

 

Copyright © für den Text: Dr. T. Wischmann 2001

 

Literatur:

 

 

  • BzgA (1999, Hrsg.): "Warum gerade wir?"  Wenn ungewollte Kinderlosigkeit die Seele belastet. BzGA, Köln
  • Strauß, B. (2000, Hrsg.): Ungewollte Kinderlosigkeit. Psychologische Diagnostik, Beratung und Therapie. Hogrefe, Göttingen
  • Strauß, B.; Brähler, E.; Kentenich, H. (Hrsg., 2004): Fertilitätsstörungen – psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie. Leitlinie und Quellentext. Schattauer, Stuttgart
  • Wischmann T, Stammer H (2003): Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch. Kohlhammer, Stuttgart
  • Wischmann T, Stammer H, Gerhard I, Verres R (1999): Inhalte und Effekte psychologischer Paarberatung bei unerfülltem Kinderwunsch. Reproduktionsmedizin (15), S. 37-44


 

Diskussion der Ergebnisse und Ausblick

 

Gynäkologen sehen einen hohen Bedarf für psychologische Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch. Ihnen kommt aus der Sicht der betroffenen Paare ein hoher Stellenwert bei der Vermittlung von psychologischer Beratung zu. Die psychosoziale Kinderwunsch-Beratung sollte begleitend zu jedem Zeitpunkt der reproduktionsmedizinischen Behandlung dem Paar angeboten werden und fakultativ sein. Die betroffenen Paare sollten über Ziele und Ablauf dieser Beratung ausführlich informiert werden. Dass der Anteil beratungsbedürftiger Paare aus der Sicht der mit diesem Bereich befassten Professionellen vermutlich überschätzt wird, ist nicht nur auf die häufig vorhandenen eigenen Bewältigungsressourcen der Kinderwunsch-Paare zurückzuführen, sondern vielmehr auf die Informationsdefizite und Vorannahmen über den Stellenwert und die Ziele einer psychosozialen Kinderwunsch-Beratung. Nicht nur bei vielen Professionellen, sondern offenbar auch bei einem Teil der Paare besteht immer noch die Vorstellung, dass psychologische Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch vorrangig das Aufdecken psychischer Gründe der Fruchtbarkeitsstörung zum Ziel haben sollte bzw. erst nach Scheitern der reproduktionsmedizinischen Behandlung zum Einsatz kommen sollte. Diese überholte Vorstellung wird leider noch in einem Teil der wissenschaftlichen Literatur – trotz der Arbeit der beiden psychosomatischen Forschungsverbünde in Deutschland in den letzten Jahren – und insbesondere in der Laienpresse zum Leidwesen der meisten Kinderwunsch-Paare aufrechterhalten. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die Publikationen aus den Forschungsverbünden – hierbei ist insbesondere an das „Beratungsmanual“, die Leitlinien „Psychosomatik in der Reproduktionsmedizin“ und an den Patientenratgeber zu psychologischen Hilfen bei ungewollter Kinderlosigkeit aus dem Projekt „Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde“ zu denken – in den nächsten Jahren auch von der nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit rezipiert werden. Dieses sollte zu einem angemesseneren Verständnis der psychosozialen Aspekte bei Fertilitätsstörungen führen und damit die Versorgung der Kinderwunsch-Paare in einem ganzheitlicheren Sinne verbessern helfen.

 

Dass eine defizit- und pathologieorientierte Sichtweise auf Paare mit unerfülltem Kinderwunsch aus wissenschaftlicher Sicht überholt und für die psychosoziale Kinderwunsch-Beratung sogar kontraproduktiv ist, zeigen die Ergebnisse unseres Teilprojektes „Beratung“: Paare mit unerfülltem Kinderwunsch erscheinen im Durchschnitt aus psychologischer Sicht unauffällig, wenn eine größere Patientengruppe untersucht wird. Dieses gilt weitgehend auch für Paare, die sich invasiven reproduktionsmedizinischen Maßnahmen wie IVF unterziehen. Die bei diesen Paaren unserer Stichprobe gefundenen höheren Werte für „Selbstaufwertung durch ein eigenes Kind“ und „emotionale Stabilisierung“ weisen darauf hin, dass für diese Paare die Erfüllung ihres Kinderwunsches von zentraler Bedeutung geworden ist. Umso wichtiger erscheint es, gerade den Paaren vor invasiven Therapieverfahren psychosoziale Beratungsgespräche anzubieten, bevor es zu einer möglichen Einengung auf die Erfüllung des Kinderwunsches kommt und damit rechtzeitig alternative Perspektiven entwickelt werden können. Eine Beendigung der IVF-Behandlung ohne ein Kind, was immerhin die Hälfte der Paare erwartet, würde dann nicht mehr als persönliches Versagen wahrgenommen werden.

 

Bei mehrjähriger Kinderwunschdauer sowie bei Hinweisen auf Probleme des Paares in Partnerschaft und Sexualität und bei hoher seelischer Belastung der Frau ist eine psychologische Beratung indiziert. Darauf weisen die Merkmale der Paare hin, die unserer Beratungs- und Paartherapieangebot nutzten. Es konnte ein von Beratungs- zu Therapiegruppe ansteigender Hilfebedarf festgestellt werden. Bereits mit zwei psychologischen Beratungsgesprächen lassen sich messbare Therapieeffekte erfassen. Eindeutig zeigt sich jedoch auch, dass sich mit der Erhöhung der Behandlungsdosis auf zehn Sitzungen das Ergebnis deutlich steigern lässt und erst dann die wesentlichen Zielvariablen Depressivität und Ängstlichkeit gesenkt werden können. Es sollte in der Beratung um die Stärkung der Bewältigungskompetenzen und die Eröffnung neuer Handlungsmöglichkeiten für das betroffenen Paar gehen, die Krise des unerfüllten Kinderwunsches erfolgreich zu bewältigen.

 

Zukünftige Studien zu psychosozialen Aspekten sollten den Schwerpunkt auf die Erfassung der Bewältigungsressourcen ungewollt kinderloser Paare legen und dieses bei der Konzeption der Erfassungsinstrumente beücksichtigen. Studien zur Evaluation der Effekte einer psychosozialen Kinderwunsch-Beratung sollten verstärkt die langfristigen Auswirkungen der Interventionen bei letztlich erfülltem bzw. unerfülltem Kinderwunsch der Paare untersuchen.

 

Copyright © für den Text: Dr. T. Wischmann 2001

 

Kontakt: PD Dr. Tewes Wischmann

Tel.:06221-568137

E-Mail: tewes.wischmann@med.uni-heidelberg.de

 

 

 


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