Medizin am Abend

Wenn das Wunschkind ausbleibt: Wie kann und darf moderne Medizin helfen?

1978 erblickte in England das erste "Retortenbaby" das Licht der Welt, inzwischen wurden weltweit mehr als 6,5 Millionen Kinder nach künstlicher Befruchtung geboren. Was für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ein Segen ist, erfüllt andere angesichts von Präimplantationsdiagnostik und möglicher genetischer Manipulationen am Embryo mit Sorge. Reproduktionsmediziner Professor Dr. Thomas Strowitzki stellt die wichtigsten Verfahren und neue Entwicklungen aus dem Bereich der künstlichen Befruchtung vor.

Mit der Debatte um die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, rückte die Reproduktionsmedizin in den Fokus der Öffentlichkeit: Was ist heute rund um die künstliche Befruchtung möglich, welcher Umgang mit den so erzeugten Embryonen ist ethisch vertretbar? "Für viele Paare ist die moderne Reproduktionsmedizin die einzige Möglichkeit, doch noch das lange ersehnte Kind zu bekommen", erklärt Professor Dr. Thomas Strowitzki, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg. "Gleichzeitig ruft jedes willkürliche Einwirken bei der Entstehung eines neuen Lebens, wie der Selektion von Embryonen vor dem Einsetzen in die Gebärmutter, Misstrauen hervor. Allein die Möglichkeit des Missbrauchs sollte aber den rechten Gebrauch nicht verhindern." In seinem Vortrag bei "Medizin am Abend" am Mittwoch, 21. September 2016, wird er die aktuellen Methoden der Reproduktionsmedizin sowie die Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik an Eizelle und Embryo vorstellen und erklären, warum das Designerbaby nach wie vor in den Bereich der Science Fiction fällt. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400. Universitätsklinikum und Rhein-Neckar-Zeitung laden alle Interessierten herzlich ein.


"Vielen Frauen ist nicht bewusst, dass ihre Fruchtbarkeit jenseits der 30 merklich nachlässt. Das wird bei der Familienplanung heute kaum berücksichtigt oder kann aus verschiedenen Gründen nicht berücksichtigt werden", weiß Professor Strowitzki. Viele Paare stehen dann vor dem Problem, dass der erhoffte Nachwuchs ausbleibt. Dies spiegelt sich in den Zahlen der künstlichen Befruchtungen wider: In Deutschland werden jährlich mehr als 50.000 Behandlungszyklen - Entnahme von Eizellen, künstliche Befruchtung und Reimplantation der Embryonen - durchgeführt, 2,5 Prozent der jährlich geborenen Kinder gehen schon aus einer künstlichen Befruchtung hervor. Insgesamt sind in Deutschland schon mehr als 250.000 Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt gekommen. Das Verfahren der sogenannten In Vitro Fertilisation (IVF), der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas, hat weltweit eine solche Bedeutung erlangt, dass der Entwickler, der britische Reproduktionsmediziner Robert Geoffrey Edwards, 2010 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin erhielt.

"Standard-Check auf breites Spektrum erblicher Erkrankungen wird es in absehbarere Zeit nicht geben"

Bei Medizin am Abend wird Professor Strowitzki die beiden wichtigsten Methoden, IVF und die Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), näher erklären. Bereits unmittelbar nach der Befruchtung kann man z.B. bei Risikopatientinnen an der Eizelle prüfen, ob eine Ungleichverteilung der Chromosomen, beispielsweise eine Trisomie 21, vorliegt. Treten in den Familien der Eltern schwerwiegende oder tödlich verlaufende Erbkrankheiten wie beispielsweise schwere Formen der Mukoviszidose oder Muskeldystrophien auf, kommt die Präimplantationsdiagnostik (PID) ins Spiel. Dazu wird das Erbgut aus einzelnen Zellen des sich fünf Tage in einem Nährmedium entwickelnden Embryos auf die jeweils zugrundeliegenden genetischen Defekte hin untersucht. Nur diesbezüglich gesunde Embryonen werden in die Gebärmutter eingesetzt, das Kind wird später von diesen Erbkrankheiten verschont bleiben. "Ohne familiäre genetische Vorbelastung, also ausschließlich zum Chromosomencheck bei ansonsten Gesunden, ist die PID in Deutschland verboten. Auch einen Standard-Check auf ein breites Spektrum erblicher Erkrankungen wird es in absehbarere Zeit nicht geben", unterstreicht Strowitzki. "Dazu ist die PID ohnehin viel zu teuer: Künstliche Befruchtung inklusive PID kostet weit über 10.000 Euro, ohne dass in diesen Fällen die Kassen Kosten übernehmen.


Was in Bezug auf Reproduktionsmedizin erlaubt ist und was nicht, ist ohnehin nicht einfach zu durchblicken: Junge Frauen können beispielsweise Eizellen für die spätere Familienplanung einfrieren lassen. Das sogenannte Social Freezing wird seit 2013 europaweit angeboten. Die Eizellspende ist aber verboten, Adoption und Austragen fremder, aber bereits vorhandener Embryonen, die nach einer erfolgreichen künstlichen Befruchtung nicht mehr benötigt werden, dagegen schon. Forschung an Embryonen, z.B. mit dem Ziel, das Erbgut zu verändern, ist in Europa z.B. in England erlaubt. Gezielte genetische Manipulationen sind allerdings nach aktuellem Stand noch nicht möglich. "Ich denke, man hat zu viel Angst vor dem, was vielleicht einmal machbar ist. Zum heutigen Stand sind die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin ein Segen insbesondere für Frauen mit bestimmten Erkrankungen, deren Kinderwunsch sich auf natürlichem Weg nie erfüllt hätte", sagt der Experte.

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Termin

Mittwoch, 21. September
19 Uhr

Hörsaal Kopfklinik
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg

Eintritt und Parken frei.

Referent

Prof. Dr. Thomas Strowitzki
Ärztlicher Direktor der Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen an der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg