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Medizin am Abend

Das Gedächtnis - lebendig von Kindheit bis in Alter

Lernprozesse verändern das Gehirn. Dabei nimmt es unser Denkorgan mit realen und "alternativen" Fakten nicht immer allzu genau. Wie Erinnerungen entstehen und wie das Gedächtnis funktioniert, erklärt die Neurowissenschaftlerin Professor Dr. Hannah Monyer bei Medizin am Abend am 29. März 2017.

"So war das, ich kann mich doch ganz genau daran erinnern!" Ein vermeintlich gutes Gedächtnis garantiert leider nicht, dass sich das in Erinnerung gerufene Ereignis tatsächlich so abgespielt hat - genau genommen ist es sogar ziemlich unwahrscheinlich, dass alle Details stimmen. "Unser Gedächtnis ist keine Festplatte oder Tape, das uns bei jedem Abspielen Erinnerungen an Ereignisse aus unserem Leben oder Gelerntes originalgetreu wiedergibt", sagt Professor Dr. Hannah Monyer, Ärztliche Direktorin der Abteilung für Klinische Neurobiologie am Universitätsklinikum Heidelberg und dem Deutschen Krebsforschungszentrum. "Es wird wiederholt überarbeitet und der jeweiligen Situation angepasst. Unser Gehirn präsentiert Erfahrungen und Erlerntes gewissermaßen nutzungsorientiert. Außerdem ist schon der Ablagevorgang sehr störanfällig." Wie Lernen und Gedächtnis funktionieren, wie sich das Gehirn dabei verändert und warum ein perfektes Gedächtnis gar nicht so wichtig ist, erläutert die international renommierte Neuro­wissenschaftlerin in ihrem Vortrag bei Medizin am Abend am Mittwoch, 29. März 2017. 


Ein guter Schlaf hilft dem Gedächtnis


Professor Dr. Hannah Monyer, die gerade mit dem Tsungming-Tu-Preis, dem höchst dotierten Forschungspreis in Taiwan, ausgezeichnet wurde, beschäftigt sich bereits seit Jahren mit der Frage, was in unserem Gehirn vorgeht, wenn wir denken, lernen, uns erinnern und wieder vergessen. Lernprozesse verändern das Gehirn kontinuierlich, auf molekularer und zellulärer ebenso wie auf Ebene der neuronalen Netzwerke. Neurowissenschaftler bezeichnen diese Anpassungsfähigkeit des Gehirns als Plastizität. Sie bleibt bis ins Alter erhalten, wenn auch nicht im selben Umfang wie in jungen Jahren.


Wie gut man etwas im Gedächtnis behält, lässt sich jedoch ein Stück weit auch selbst steuern. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Schlaf: Im Schlaf kommt es zu einem sogenannten 'Replay´ der im Kurzzeitgedächtnis gespeicherten Informationen. Sie werden dabei nochmals überarbeitet und im Langzeitgedächtnis abgelegt. "Durch Alkohol, Drogen oder auch Schlafmittel wird dieser Prozess gestört, die Erinnerungen werden stärker verändert oder gehen verloren", erklärt Monyer. "Wer auf ungestörten Schlaf achtet, schafft die Voraussetzungen für ein gutes Gedächtnis."


Zwei Personen, zwei verschiedene Aussagen: beide sind sich sicher, beide lügen nicht


Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang schon "gut"? Bei der Flut an Sinneseindrücken, Gedanken  und Informationen, die tagtäglich über unser Gehirn hereinbricht, ist es wenig verwunderlich, dass nicht alles gespeichert werden kann. In der Erinnerung erscheint uns dies allerdings nicht so, bei Lücken improvisiert das Gehirn: "Wir denken uns selbst kontinuierlich, das stimmt aber nicht. Daher ist das Gedächtnis auch sehr anfällig für Manipulationen", so die Expertin. Wer immer wieder erzählt bekommt, er hätte vor Jahren dies oder jenes gesagt oder getan, glaubt sich irgendwann daran zu erinnern. Vorsicht ist daher auch bei Zeugenaussagen geboten: Der eine gibt zu Protokoll, der Wagen des flüchtigen Unfallverursachers sei blau gewesen, wohingegen der zweite Zeuge versichert, es habe sich um einen schwarzen Wagen gehandelt. Beide sind sich sicher, beide lügen nicht. "Inzwischen weiß man, dass nur die Summe mehrerer Zeugenaussagen ein annähernd zutreffendes Bild des Vorfalls abbilden kann. Die Hirnforschung ist auch im Gerichtssaal angekommen", sagt Monyer.

Bei so vielen Unsicherheiten unsere Vergangenheit betreffend, kann man sich durchaus fragen, was das hirneigene Datenspeichersystem nützt. "Ich denke, das Gedächtnis ist nicht vorrangig rückwärts orientiert, sondern ein Instrument zum Bestehen zukünftiger Herausforderungen. Es funktioniert wie ein Werkzeugkasten an Erfahrungen, den wir bewusst und sehr häufig auch unbewusst einsetzen, um aktuelle Probleme zu lösen. Unsere jeweilige Lebenssituation bestimmt daher auch, was wir uns merken und wie wir es uns merken", ist sich Professor Monyer sicher. Viele Themen des Vortrags bei Medizin am Abend finden Besucher, die sich eingehender mit den Funktionen und Rätseln des Gedächtnisses beschäftigen möchten, in dem 2015 von Hannah Monyer mit dem Philosophen Martin Gessmann herausgegeben Buch "Das geniale Gedächtnis: Wie das Gehirn aus der Vergangenheit unsere Zukunft macht".

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Termin

Mittwoch, 29. März
19 Uhr

Hörsaal Kopfklinik
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg

Eintritt und Parken frei.

Referent

Professor Dr. Hannah Monyer
Ärztliche Direktorin der Abteilung für Klinische Neurobiologie an Universitätsklinikum Heidelberg
und Deutschem Krebsforschungszentrum