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Medizin am Abend

Seele trifft Körper – Psychosomatische Medizin heute

"Wir behandeln keine Krankheiten, sondern kranke Menschen": Was der Heidelberger Internist Ludolf Krehl bereits Anfang des 20. Jahrhunderts als Forderung an die Medizin formulierte, ist heute aktueller denn je. Denn immer mehr kristallisiert sich heraus, wie komplex sich Körper und Seele gegenseitig beeinflussen. Warum bei vielen Erkrankungen das eine nicht ohne das andere behandelt werden kann, beleuchtet Professor Dr. Wolfgang Herzog bei Medizin am Abend am 20. Juni 2018.

 

Leidet die Seele, macht sich das nicht selten mit körperlichen Beschwerden oder sogar ernsten Erkrankungen bemerkbar. Das Spektrum reicht von anhaltenden Erschöpfungszuständen über Rückenschmerzen und Reizdarm-Problematiken bis hin zu Herzproblemen und lebensbedrohlichen Essstörungen. "Es wird in Zukunft immer wichtiger werden, auf psychosomatische Beschwerden eine passende therapeutische Antwort zu finden, denn die Anzahl der Betroffenen nimmt zu", sagt Professor Dr. Wolfgang Herzog, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik an der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg. Allein von 2012 bis 2016 stieg die Anzahl der Krankschreibungen aufgrund von Überlastung und Erschöpfung um 50 Prozent, 2016 verursachten psychische und psychosomatische Erkrankungen Kosten von insgesamt rund 40 Milliarden Euro. Die Ursachen dafür erklärt der Psychosomatiker so: "Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren verdichtet, soziale Beziehung werden unverbindlicher, gleichzeitig hat die öffentliche Diskussion um "Burnout" und "Worklife-Balance" die Menschen für diese Art der Beschwerden sensibilisiert." In seinem Vortrag bei Medizin am Abend am Mittwoch, 20. Juni, wird er die wichtigsten psychosomatischen Krankheitsbilder, Ursachen und Folgen sowie aktuelle Therapiekonzepte vorstellen. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400. Universitätsklinikum und Rhein-Neckar-Zeitung laden alle Interessierten herzlich ein.

 

Warum kommt es bei psychischen Notständen überhaupt zu anhaltenden körperlichen Beschwerden? "Psychosomatiker sehen darin ein unbewusstes 'Zurückgleiten´ in einen körperzentrierten Zustand, wie wir ihn als Säugling und Kleinkind erlebt haben. In dieser Phase der Abhängigkeit sind Kinder sehr empfindlich gegenüber Störungen, da sie sich nicht selbst daraus befreien können", erklärt Herzog. "Bei der Magersucht beispielsweise ist die Reaktion auf dieses übermächtige Ohnmachtsgefühl ein starkes Autonomiestreben - gewissermaßen um wenigstens in einem Lebensbereich die Kontrolle zu haben." 

Häufig tritt die Magersucht im Laufe der Pubertät auf, wenn im Leben der Heranwachsenden gefühlt alles außer Kontrolle gerät: Der Körper verändert sich, die Beziehung zu den Eltern wird schwieriger, die Clique und deren Bewertung der eigenen Person umso wichtiger. Die zwanghafte Gewichtsabnahme und -kontrolle ist für die Betroffenen dann ein bitter benötigtes Erfolgserlebnis - nach Krankheit fühlt es sich für sie sehr lange nicht an. Das macht die Therapie schwierig: Patienten empfinden sie als Versuch, ihnen etwas wegzunehmen. "Jede Therapie ist daher als erstes Beziehungsarbeit: Gelingt es nicht, Vertrauen aufzubauen, kämpfen die Patienten umso stärker gegen jede Bemühung und Hilfestellung an", so der erfahrene Kliniker. So ist auch zu erklären, dass trotz Behandlung nur rund die Hälfte der Patienten ihre Essstörung dauerhaft überwinden können.


Auch bei den sogenannten funktionellen Störungen wie chronischen Schmerzen oder Magen-Darm-Problemen kommt es - häufig bei psychischer Belastung wie großem privatem oder beruflichem Stress - zu einer starken Konzentration auf das Körpergefühl. Der Blick verengt sich unter Umständen ganz und gar auf die jeweiligen Beschwerden, die Betroffenen verändern ihre Alltagsgestaltung, entwickeln Vermeidungsstrategien, ziehen sich zurück. Daraus entsteht neuer Stress, sie sind in einem Teufelskreis gefangen. "Medikamente helfen daher bei dieser Art von Beschwerden sehr wenig", so Herzog. Es brauche Ideen und Lösungsstrategien auf beiden Ebenen - sowohl psychisch als auch somatisch. Bewährt haben sich sogenannte multimodale Therapien, die eine Behandlung der Symptome mit psychotherapeutischen Elementen und konkreten Tipps zur Selbsthilfe wie etwa Ernährungsberatung oder dem Erlernen von Entspannungsübungen kombiniert.


Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele gibt zudem in umgekehrter Richtung, wenn z.B. eine schwere Erkrankung wie ein Herzinfarkt oder eine Krebsdiagnose Depressionen und Angststörungen hervorrufen. Hier ist ebenso wie bei den funktionellen Körperbeschwerden die Aufmerksamkeit und Sensibilität der behandelnden Ärzte gefragt. "Was der eine gut wegsteckt, stürzt den anderen in eine Krise. Das müssen Ärzte immer im Blick behalten und z.B. an entsprechend geschulte Psychotherapeuten verweisen", fordert Internist Herzog. "Denn man kann machen, was man will, es ist immer beides da: Körper und Seele."

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Termin

Mittwoch, 20. Juni
19 Uhr

Hörsaal Kopfklinik
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg

Eintritt und Parken frei.

Referent

Prof. Dr. Wolfgang Herzog

Ärztlicher Direktor der Abteilung für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik