Allgemeine Psychiatrie
Zentrum für Psychosoziale Medizin

Sektion Gerontopsychiatrische Forschung


 

Die zerrüttete Erinnerung: Störungen des autobiographischen Gedächtnisses bei schizophrenen Psychosen (BAGI)

Unser laufendes Forschungsprojekt hat sich zum Ziel gesetzt die Funktion des autobiographischen Gedächtnisses bei schizophren Erkrankten unterschiedlichen Alters zu erfassen und mit klinischen Variablen, etwa Psychopathologie und neurokognitiven Funktionen, sowie hirnstrukturellen Korrelaten in Beziehung zu setzen.

 

Dabei wird die Hypothese verfolgt, dass Störungen des autobiographischen Gedächtnisses bei Schizophrenien neben quantitativen auch durch qualitative Änderungen charakterisiert sind, die den Grad der Gewissheit der Erinnerung, die emotionale Färbung sowie die Verflachung der Erinnerung betreffen. Es wird angenommen, dass diese Störungen mit der Psychopathologie, der Lebensqualität und der Hirnmorphologie schizophrener Patienten in Zusammenhang stehen.

 

Die Probanden werden aus den Einrichtungen von St. Thomas e.V. in Heidelberg, Schwetzingen oder Graben-Neudorf und der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg rekrutiert. Zum aktuellen Zeitpunkt liegt eine Stichprobe von 89 Patienten vor, die in den folgenden Monaten auf 120 Patienten erweitert werden soll. So wird eine Gegenüberstellung von Patienten in verschiedenen Stadien der schizophrenen Erkrankung, d.h. bei ersterkrankten Patienten (bis 30 Jahre), bei Patienten in mittlerem Lebensalter (31-50 Jahre) sowie bei älteren schizophren Erkrankten (über 51 Jahre) möglich. Eine nach Alter, Geschlecht und Schulbildung parallelisierte gesunde Kontrollgruppe wird durch öffentlichen Aushang rekrutiert bzw. kann aus der laufenden Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE), die ebenfalls an der Sektion Gerontopsychiatrie durchgeführt wird, gewonnen werden.

 

Kernstück der Untersuchung ist das "Bielefelder autobiographische Gedächtnisinventar" (BAGI; Fast et al. 2006) als semistrukturiertes Interview zur Erfassung des autobiographischen Gedächtnisses. Das autobiographische Wissen wird dabei aus fünf verschiedenen Lebensabschnitten, d.h. zur Vorschulzeit, Schulzeit, weiterführenden Schule bzw. Ausbildung, zu Berufstätigkeit sowie den dem Untersuchungstermin vorangegangenen fünf Lebensjahren festgehalten. Erfragt werden sowohl semantische Inhalte, beispielsweise Adressen und Namen von Schulkameraden oder Freunden, als auch episodische autobiographische Erinnerungen. Letztere werden als "frei" erinnerte Episoden erhoben; dabei wird ihre Einzigartigkeit beurteilt, also festgestellt, ob es sich um singuläre Erlebnisse, regelmäßig wiederkehrende Ereignisse oder Gesamteindrücke aus einem Lebensabschnitt  handelt. Weiter schließt die Untersuchung die klinische Dokumentation der psychopathologischen Symptomatik, die Erhebung möglicher prognostisch relevanter Merkmale, der Lebensqualität sowie einer umfangreichen neuropsychologischen Testbatterie mit ein. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg wird bei einer Substichprobe eine strukturelle Magnetresonanztomographie (MRT) durchgeführt. Die Aufnahmen sollten dazu dienen, mögliche zerebrale Korrelate autobiographischer Gedächtnisstörungen zu erfassen.

 

 

Die BAGI Studie wird von drei Einrichtungen getragen:

  • Sektion Gerontopsychiatrie (Prof. Dr. J. Schröder)
    Voss Str. 4, 69115 Heidelberg, Tel.: 06221/564403
  • St. Thomas e.V. Heidelberg  (Prof. Dr. F. Brecht)
    Wieblinger Weg 92a, 69123 Heidelberg, Tel.: 06221/751710
  • SRH Hochschule (Prof. Dr. K. Budischewski)
    Ludwig-Guttmann-STr. 6, 60123 Heidelberg, Tel.: 06221/883341

 

Veröffentlichungen:

  • Schröder J., Brecht F. G. (2009) Das autobiographische Gedächtnis: Grundlagen und Klinik. Akademische Verlagsgesellschaft AKA GmbH, Heidelberg.
  • Herold Ch. J., Schröder J. (2009) Das autobiographische Gedächtnis bei Schizophrenien - Eine Einführung. In: Schröder J., Brecht F. G. (Hg) Das autobiographische Gedächtnis: Grundlagen und Klinik. Akademische Verlagsgesellschaft AKA GmbH, Heidelberg: 26-54.
  • Seidl U., Toro P., Schröder J. (2009) Autobiographisches Gedächtnis und Demenz. In: Schröder J., Brecht F. G. (Hg) Das autobiographische Gedächtnis: Grundlagen und Klinik. Akademische Verlagsgesellschaft AKA GmbH, Heidelberg: 55-74.
  • Seidl U., Lässer M. M., Schmid L. A., Herold C. J. (2009). Die zerüttete Erinnerung. Störungen des autobiographischen Gedächtnisses bei schizophrenen Psychosen. In: Schröder J., Brecht F. G. (Hg) Das autobiographische Gedächtnis: Grundlagen und Klinik. Akademische Verlagsgesellschaft AKA GmbH, Heidelberg: 55-74.
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