zurück zur Startseite
Zentrale Tel.: 06221-560

Blasenfunktionsstörung

Neurogene Blase

Die normale Funktion der Harnblase besteht darin, den Urin zu speichern und diesen kontrolliert sowie koordiniert zu entleeren. Diese koordinierte Aktivität wird durch das zentrale und periphere Nervensystem reguliert. Als neurogene Blase wird eine Harnblase bezeichnet, die ihre normale Funktion aufgrund einer Störung im Nervensystem verloren hat.

 

Die Harnblase ist ein Hohlorgan, das eine weiche Innenschicht, ähnlich der Mundschleimhaut, und eine äußere Muskelschicht besitzt. Sie setzt sich aus folgenden Anteilen zusammen, der Harnblase mit dem Blasenhals (trichterartiger Auslass aus der Harnblase der zur Harnröhre führt) und der Harnröhre (schlauchartige Struktur über die der Urin aus der Harnblase nach außen abfließt) sowie dem äußeren Schließmuskel der Harnröhre (Muskelgruppe die die Harnröhre sowie den Blasenhals umgibt). Die Blasenfunktion wird über eine feine Koordination der Muskeln und Nerven des Harnsystems gesteuert. Nerven tragen Informationen (= Reize) von der Blase zum Gehirn und vom Gehirn zu den Muskeln der Harnblase, die am Muskel dafür sorgen, dass er sich entweder anspannt oder entspannt, wodurch die Blasenentleerung eingeleitet wird.

 

Eine Nervenstörung kann entweder die Blase lähmen, indem sie sich nicht mehr zusammenziehen und somit den Urin nicht komplett entleeren kann, oder sie kann überaktiv werden, was sich dann durch viel zu schnelles und häufiges Entleeren der Blase äußert.

 

Ein erhöhtes Risiko für eine neurogene Blase besteht bei verschiedenen Geburtsfehlern, welche sich auf das Rückenmark und die Funktion der Harnblase auswirken. Dies ist der Fall, z. B. bei der Spina bifida oder anderen Missbildungen des Rückenmarks. Tumore im Rückenmark oder im kleinen Becken können ebenfalls die normale Funktion der Nervenfasern unterbinden. Verletzungen des Rückenmarks sind ebenfalls mit einem sehr hohen Risiko zur Entwicklung einer neurogenen Blase behaftet.

 

Abbildung: Röntgenologische Darstellung einer neurogenen Blase mit beidseitigem vesicorenalem Reflux
Abbildung: Röntgenologische Darstellung einer neurogenen Blase mit beidseitigem vesicorenalem Reflux

Symptome der neurogenen Blase

Das Unvermögen den Harn zu kontrollieren, auch als Harninkontinenz bezeichnet, ist wahrscheinlich das häufigste Symptom der neurogenen Blase. Dieses kann durch ein erniedrigte Blasenkapazität oder eine Störung des Kontrollmechanismus des Blasenhalses oder des äußeren Schließmuskels verursacht werden. Symptome wie Anstrengung während des Wasserlassens oder die Unmöglichkeit überhaupt Wasser zu lassen, können ebenfalls Symptome einer neurogenen Blase sein. Ein Harnverhalt kann bei der neurogenen Blase ebenfalls auftreten.
Eine Drangsymptomatik, wie häufiges Wasserlassen und der Drang, sofort Wasser zu lassen, können ein Anzeichen einer Blasenüberaktivität sein.

 

Andere irritative Symptome wie schmerzvolles Wasserlassen (= Dysurie) können das Ergebnis von Harnwegsinfekten sein, die auf eine zu lange Verweildauer des Harns in der Blase zurückzuführen sind. Harnwegsinfekte mit Fieber sind ein potentielles Zeichen für ernsthafte Nierenbeckenentzündungen (= Pyelonephritis) und stellen eine sehr ernsthafte Erkrankung dar, die zum Funktionsverlust der Nieren führen kann. Nierensteine können sich aufgrund der verlängerten Harnpassage durch den Harntrakt und aufgrund der Harnwegsinfekte bilden. Ein vesicoureterorenaler Reflux, d. h. das Zurückfließen des Urins aus der kranken Harnblase in die Nieren kann ebenfalls durch einen hohen Blasendruck entstehen. Harnwegsinfekte sind dann kritisch zu betrachten, da sie zu Nierenschäden führen können.

 

Diagnose:

Bei Verdacht auf eine neurogene Blasenentleerungsstörung müssen sowohl das Nervensystem, einschließlich Gehirn, als auch die Blase untersucht werden. Neben einer ausführlichen Anamnese sind weitere Untersuchungen notwendig:

  • Bildgebende Untersuchungen des Schädels und der Wirbelsäule
  • Bildgebende Untersuchungen der Harnblase und der Harnleiter
  • Funktionelle Untersuchungen einschließlich der funktionellen Untersuchung der Harnblase und der Nieren, dazu gehört z.B. auch die Harnstrahlmessung (= Uroflowmetrie)

 

 

Abbildung: Pathologische Uroflowmetriekurve. Charakteristisches sägezahnartiges Bild mit Verdacht auf eine Detrusor- Sphinkter-Dyskoordination
Abbildung: Pathologische Uroflowmetriekurve. Charakteristisches sägezahnartiges Bild mit Verdacht auf eine Detrusor- Sphinkter-Dyskoordination
Abbildung: „Normale“ Uroflowmetriekurve
Abbildung: „Normale“ Uroflowmetriekurve

Behandlung der neurogenen Blase:

Medikamente zur Behandlung einer überaktiven Harnblase können die irritativen Symptome aber auch die Inkontinenz verbessern oder sogar beseitigen. Hierbei sind die Wirkstoffe Oxybutinin und Propiverin zu nennen.
Antibiotika sind wichtig, um Harnwegsinfekten vorzubeugen bzw. um diese zu behandeln. Dies ist insbesondere bei Patienten mit vesicoureterorenalem Reflux notwendig. Andere Medikamente können die Blasenfunktion verbessern, indem sie den Auslasswiderstand am Blasenhals senken, z.B. alpha- Blocker wie Alfuzosin oder Tamsulosin. Eine saubere intermittierende Katheterisierung sollte bei Patienten angewendet werden, die die Harnblase nicht komplett entleeren können. Dies kann bei Unfähigkeit der Blase sich anzuspannen oder bei einem Verlust der Koordination zwischen Blasenmuskel und äußerem Schließmuskel der Fall sein.
Das chirurgische Einschneiden des äußeren Schließmuskels (= Sphinkterotomie) kann durchgeführt werden um einen ungehinderten Abfluss des Urins und eine akzeptable Harnröhrenweite für die saubere intermittierende Katheterisierung zu ermöglichen. Dies geschieht mit einem endoskopischen Instrument, das über die Harnröhre in die Blase eingeführt wird.

 

Die endoskopische Injektion von Medikamenten, die zu einer Lähmung der Harnblase führen (=Botox, Botulinum Toxin), ist ebenfalls eine therapeutische Option. Das Botulinum Toxin kann dabei entweder in den Schließmuskel, bei überaktiver Blase, aber auch in den Blasenmuskel selbst injiziert werden.
Die Funktion der Blase kann sich trotz medikamentöser Behandlung und Selbstkatheterismus so verschlechtern, dass die Kapazität der Blase sinkt oder ein Reflux auftritt. In solch einer Situation werden weitere chirurgische Maßnahmen notwendig. Dazu gehört die Blasenaugmentation (= Vergrößerung der Blase, meistens mit Darmanteilen) und/oder die operative Sanierung eines vesico-uretero-renalen Refluxes. Letztendlich kann es notwendig sein, die Harnblase als Harnreservoir zu umgehen, wobei ein neues Reservoir für die Speicherung des Harnes geschaffen werden muss. Dieses wird meistens aus Darmanteilen gebildet.
Bei Patienten mit neurogener Blasenfunktionsstörung ist eine langjährige Nachbeobachtung notwendig. Dieses schließt die Untersuchung der Blasenfunktion wie auch der Nierenfunktion ein. Aus diesem Grund können wiederholte Szintigraphien, Blutanalysen, Röntgen-, Blasenfunktions- und Ultraschalluntersuchungen notwendig werden.