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Pressemitteilung 2019/1 vom 10.01.2019

Veranstaltung: Risiken und Nebenwirkungen des Fachkräftemangels in der Pflege – Geschichte und Gegenwart

Prof. Dr. Karen Nolte
Prof. Dr. Karen Nolte

Foto: Universitätsklinikum Heidelberg

Prof. Dr. Martina Hasseler
Prof. Dr. Martina Hasseler

Foto: Universitätsklinikum Heidelberg

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist bei Weitem kein neues Problem: Er bahnt sich in Deutschland bereits seit Anfang des 20. Jahrhundert an und hat seine Wurzeln in der Geschichte und im Selbstverständnis der deutschen Krankenpflege. Woran die Krankenpflege chronisch krankt, welche Folgen das für die Gesundheitsversorgung hat und was der Lösung des Problems hierzulande im Weg steht, ist Thema bei Medizin am Abend mit Medizinhistorikerin Professor Dr. Karen Nolte und Pflegewissenschaftlerin Professor Dr. Martina Hasseler am 16. Januar 2019.


Spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs fehlt es in der deutschen Krankenpflege an Fachkräften - nachhaltige Gegenmaßnahmen gab es bisher nicht. "Das Problem ist in Deutschland tief im historisch gewachsenen Berufsbild der Krankenschwester als Hilfskraft des Arztes verankert. Diese Altlast schleppt das deutsche Krankenhauswesen immer noch mit sich herum", sagt Professor Dr. Karen Nolte, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Wie es besser geht, zeigt ein Blick ins Ausland: "Die skandinavischen Länder, die USA oder Australien machen vieles richtig mit teamorientiertem Arbeiten, positiven Anreizen und zeitgemäßen Arbeitszeitmodellen", erklärt Professor Dr. Martina Hasseler, Pflege­wissenschaftlerin an der Medizinischen Fakultät Heidelberg im Studiengang Interprofessionelle Gesundheitsversorgung. Bei Medizin am Abend am Mittwoch, 16. Januar 2019, werden die Expertinnen den historischen und aktuellen Ursachen des Fachkräftemangels sowie seinen Folgen für die Krankenversorgung auf den Grund gehen. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400. Universitätsklinikum und Rhein-Neckar-Zeitung laden alle Interessierten herzlich ein.

 

Ein Schwerpunkt der Medizinhistorikerin Karen Nolte, selbst examinierte Krankenschwester, ist die Geschichte der Krankenpflege. Fragen, denen sie im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit unter anderem nachgeht, sind: In welchem Selbstverständnis engagierten sich Krankenpflegende in den letzten beiden Jahrhunderten? Wie entwickelte sich in dieser Zeit das Verhältnis zwischen Arzt und Pflegenden? "Die Krankenpflege war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ein christlicher Dienst am Patienten und lag überwiegend in den Händen kirchlicher Schwesternschaften wie die der evangelischen Diakonissen", erläutert sie. "Es gab allenfalls ein Taschengeld, gleichzeitig war ein aufopferungsvoller Einsatz rund um die Uhr selbstverständlich - bis den Schwesternschaften Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich der Nachwuchs ausging."

 

An ihre Stelle rückten weltliche Schwesternschaften sowie Absolventinnen der bereits ab dem 19. Jahrhundert an den Universitätskliniken eingerichteten Pflegeschulen. Während die Diakonissen sehr gut auch in ärztlichen Tätigkeiten ausgebildet waren und entsprechend selbstbewusst auftraten, hatten sich die weltlichen Krankenschwestern unbedingt den Weisungen des Arztes unterzuordnen. "Daher stammt das Selbstverständnis der Pflege als ärztlicher Hilfsberuf", so Nolte. Aufopferungsvoll, duldsam, gehorsam und geringe Ansprüche an das Gehalt - dieses Berufsbild lockte seit Zeiten des Wirtschaftswunders immer weniger Bewerberinnen. Eine Akademisierung und damit auch Emanzipation der Pflege, wie sie in anderen Ländern teilweise schon Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte, blieb in Deutschland lange aus, passte nicht zum Image des ärztlichen Hilfsberufs. Das macht das deutsche Krankenhaussystem gleichzeitig unattraktiv für ausländische - meist besser qualifizierte - Pflegekräfte. "Da haben wir den Anschluss verpasst", so Nolte.

 

Das sieht auch Professor Hasseler so. Sie sagt: "Das System ist noch über weite Strecken sehr arztzentriert. Und die Bereitschaft, daran grundsätzlich etwas zu ändern, ist bislang sehr gering." Die aus dem Fachkräftemangel resultierenden Risiken seien in der öffentlichen Debatte nicht ausreichend thematisiert. Beispiel Personalschlüssel: "Es gibt eine gute internationale Studienlage, die besagt, dass ab einem Betreuungsschlüssel von 1:8 das Komplikationsrisiko für die Patienten steigt. Ein anzunehmender Grund ist, dass die Pflegekräfte frühe Anzeichen für eine Verschlechterung im eng getakteten Stationsalltag nicht immer bemerken", so Hasseler. Die ab 2019 geltenden Personaluntergrenzen für sensible Bereiche seien zwar ein guter und wichtiger Schritt. Sie liegen aber - außer bei Intensivstationen - allesamt über einem Verhältnis von 1:8. "Damit sind wir im internationalen Vergleich immer noch im schlechten Bereich."

 

Woher aber mehr Pflegekräfte nehmen, wenn der Arbeitsmarkt leergefegt ist? Eine Lösung für den Nachwuchsmangel sieht sie u.a. in der wissenschaftlichen Qualifikation der Pflege hin zu einem Expertenstatus der Pflegenden, der dem der Ärzte gleichkommt, mit entsprechenden Einsatzgebieten und Gehaltsstufen für verschiedene Qualifikationsstufen. Das mache den Beruf an sich wieder attraktiv. Zudem sollten sich mehr Kliniken als bisher mit der Frage beschäftigen, was einen guten Arbeitgeber im Gesundheitswesen ausmache. Umfragen unter Pflegenden ergaben, dass zwar ein hohes Rückkehrpotenzial bestehe, dabei aber neben Sicherheit bei den Arbeitszeiten und Work-Life-Balance auch Weiterentwicklung und Teilhabe wichtige Themen seien. "Wir brauchen einen partizipativen Ansatz: Pflegende müssen bei Entscheidungen gleichberechtigt mitreden dürfen. Erst eine Aufweichung des bestehenden hierarchischen Systems kann in meinen Augen die Situation der professionelle Pflege in Deutschland nachhaltig verbessern und eine wirkliche interprofessionelle sowie qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für die Patienten ermöglichen", betont die Pflegewissenschaftlerin.

 

www.medizin-am-abend.de

 

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