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Der falsche Räuber

29.07.2009
Heidelberger Anatomen deckten jahrzehntelangen Irrtum auf / Skelett ist nicht der Räuber „Hölzerlips“, sondern der „Schwarze Jonas“, Gefolgsmann des „Schinderhannes“ / Ausstellung im Institut für Anatomie und Zellbiologie

 

 

[Bild in Druckauflösung]

Das Skelett des „Schwarzen Jonas“ im Anatomischen Institut des Universitätsklinikums Heidelberg, das Jahrzehnte lang für den Räuber „Hölzerlips“ gehalten wurde.

Quelle: Anatomisches Institut Heidelberg.

 

 

Zweifel ausgeschlossen: Nicht das Skelett des Räubers „Hölzerlips“ ist im Anatomischen Institut der Universität Heidelberg ausgestellt, sondern das des „Schwarzen Jonas“, Gefolgsmann des Hunsrücker Räuberhauptmannes „Schinderhannes“. Sara Doll und Anne Serwe, Präparatorinnen des Heidelberger Anatomischen Instituts (Direktor: Professor Dr. Joachim Kirsch), haben erstmals die Sammlungsbücher der Jahre 1805 bis 1916 ausgewertet und dabei die Verwechslung entdeckt. Der „Schwarze Jonas“ wurde 1803 zusammen mit seinem Kollegen „Schinderhannes“ in Mainz hingerichtet; beide Skelette wurden 1805 in die Heidelberger Anatomie gebracht und können dort von der Öffentlichkiet besichtigt werden.

 

Seit Jahrzehnten gingen die Heidelberger Anatomen davon aus, dass sich das Skelett des Räubers Georg Philipp Lang, genannt „Hölzerlips“, in ihrer Sammlung befinde. Woher allerdings diese Information kam, bleibt unklar, denn in alten Sammlungskatalogen aus dem 19. Jahrhundert ist kein Hölzerlips-Skelett, sondern u.a. das Skelett des „Schwarzen Jonas“ aufgeführt. Eine kleine, unscheinbare Nummer auf dem Beckenknochen erlaubt eine eindeutige Zuordnung. „Wir haben Belege gefunden, dass die richtige Identität dieses Skeletts noch unter Carl Gegenbaur, der von 1873 bis 1901 in Heidelberg Anatomie lehrte, bekannt war“, berichtet Sara Doll, die vor einem Jahr mit der Recherche in den Archiven der Universität begann.

 

Erstmals Sammlungskataloge aus dem 19. Jahrhundert ausgewertet

 

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anne Serwe aktualisiert Sara Doll derzeit den Gesamtkatalog der anatomischen Präparate. Der letzte Sammlungskatalog entstand im Sommer 1916 unter dem damaligen Anatomieprofessor Hermann Braus, der allerdings die Skelettmontagen nicht berücksichtigte. „Uns interessiert dabei auch die Geschichte der Präparate: Wer waren diese Menschen? Wie haben sie gelebt? Aus welchen Gründen sind die Präparate hergestellt worden und schließlich in unsere Sammlung gelangt?“, so Sara Doll, die als präparationstechnische Assistentin der Fachrichtung Medizin Seminare und Präparierkurse für Studenten betreut sowie Tutoren ausbildet. 

 

Die Geschichte des „Schwarzen Jonas“ und seines Skeletts ist aufgrund seines prominenten Freundeskreises gut dokumentiert: Am 21. November 1803 wurde Christian Reinhard, genannt „Schwarzer Jonas“ zusammen mit seinem Freund und Räuberhauptmann Johannes Bückler, genannt „Schinderhannes“, und 18 weiteren Bandenmitgliedern in Mainz durch die Guillotine hingerichtet. Damals war es üblich, die Leichen hingerichteter Verbrecher nach ersten wissenschaftlichen Experimenten in die umliegenden anatomischen Theater zu bringen, um sie dort zu sezieren. „Schinderhannes“ und der „Schwarze Jonas“ kamen zu dem bekannten Anatomen Jacob Fidelius Ackermann (1765 -1815), der ihre Skelette präparierte und sie 1805 aus Mainz mit nach Heidelberg brachte. Dies belegt eine Liste seiner Präparate.

 

Anatom Fidelius Ackermann brachte zwei Räuber-Skelette 1805 mit nach Heidelberg

 

Auch in den Sammlungsbüchern seiner Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Anatomie, Friedrich Tiedemann (1781-1861) und Jacob Henle (1809-1885), sind beide Skelette aufgeführt. Danach ließ Carl Gegenbaur (1826-1903) in seinen Inventurbüchern allerdings nur noch neu hinzugekommene Präparate verzeichnen, was die Übersicht über den Gesamtbestand heute deutlich erschwert. So sind seitdem weder diese noch andere Skelettmontagen erwachsener Individuen der Sammlung noch einmal aufgeführt. „Weil offensichtlich niemand die alten Sammlungsbücher überprüfte, kam es im Laufe der Zeit wohl auch zu dieser Verwechslung. Und Räuber ist Räuber“, vermutet Sara Doll.

 

Doch was wurde aus dem „Hölzerlips“, der als Räuber in der Kurpfalz und im Odenwald sein Unwesen trieb? Sein Name taucht in keinem der bisher gesichteten Heidelberger Dokumente auf. Bekannt ist, dass er mit drei seiner Mittäter am 31. Juli 1812 in Heidelberg hingerichtet wurde: Ihm wurde unter anderem der Raubmord an einem Schweizer Kaufmann bei einem Kutschenüberfall zwischen Hemsbach und Laudenbach zur Last gelegt. Nach der Hinrichtung wurde sein Leichnam wahrscheinlich in Heidelberg seziert und, wie damals üblich, anonym auf dem Armenfriedhof der Spitalskirche St. Anna bestattet. Der von der „Hölzerlips“-Bande ermordete Kaufmann Jakob Rieder ist auf dem Friedhof der Peterskirche beerdigt, sein Grabstein ist bis heute zu besichtigen.

 

Das Skelett ist in der Ausstellung des Instituts für Anatomie und Zellbiologie, Im Neuenheimer Feld 307, zu besichtigen. Besuchszeiten sind Montag bis Freitag von 8 bis 17 Uhr. Gruppenführungen, z.B. für paramedizinische Schulen, werden in deutscher, englischer und französischer Sprache angeboten.

 

Weitere Informationen im Internet:

www.uni-heidelberg.de/univ/museen/index.html

 

Ansprechpartner:

Sara Doll

Anatomisches Institut

Universitätsklinikum Heidelberg

Tel.: 06221 / 56 38 078

E-Mail: doll(at)ana.uni-heidelberg.de

 

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg

Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang

Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 7.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 40 Kliniken und Fachabteilungen mit 1.600 Betten werden jährlich rund 500.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.100 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. (Stand 12/2008)

 

www.klinikum.uni-heidelberg.de

 

Bei Rückfragen von Journalisten:

Dr. Annette Tuffs

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg

und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg

Im Neuenheimer Feld 672

69120 Heidelberg

Tel.: 06221 / 56 45 36

Fax:  06221 / 56 45 44

E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

 

119/2009

 

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