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Rede von Herrn Minister Professor Dr. Peter Frankenberg anlässlich 21. Kongress Deutsche Kontinenz Gesellschaft am 13. November 2009, 19:30 Uhr in Mannheim / Heidelberg

Ein namentlich nicht mehr bekannter Philosoph in der griechischen Antike soll einmal gesagt haben: „Verachte nicht den, der etwas nicht kann. Hilf ihm!“ Es muss wohl davon ausgegangen werden, dass dieser Ausspruch damals in einem anderen Zusammenhang fiel. Der Gedanke, der hinter diesem Zitat steht, kann heute jedoch uneingeschränkt auch für das Wirken und die Bemühungen der Deutschen Kontinenz Gesellschaft angeführt werden.

 

Sehr geehrter Herr Professor Dr. Siewert,

sehr geehrte Frau Gürkan,

sehr geehrte Herren Präsidenten Professor Dr. Büchler und Professor Dr. Hohenfellner,

sehr geehrte Herren Vorstände Professor Dr. Jünemann, Professor Dr. Kölbl und Dr. Probst,

sehr geehrte Damen und Herren!

 

Wir alle haben uns heute zum Festabend des 21. Kongresses der Deutschen Kontinenz Gesellschaft zusammen gefunden. Als mich Herr Professor Büchler und Herr Professor Hohenfellner gebeten hatten, am heutigen Abend die Festrede zu halten, habe ich mich sehr geehrt gefühlt und ohne Zögern zugesagt. Denn es ist mir ein Herzenswunsch, Ihnen allen zu vermitteln, für wie bedeutsam ich Ihre Arbeit für die Menschen in Baden-Württemberg, aber auch ganz Deutschland, erachte. Leider sind die wichtigen Anstrengungen der Deutschen Kontinenz Gesellschaft in der Bevölkerung noch viel zu wenig präsent. Nach meiner Überzeugung verdient Ihre Arbeit jedoch deutlich mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Öffentlichkeit, um die Hilfe, die Sie den betroffenen Menschen geben, entsprechend zu würdigen und zu verstärken.

 

Ihre Arbeit ist für Sie alle gewiss nicht einfach und erfordert vor allem auch viel Fingerspitzengefühl. Ihr Wirken verlangt eine Gratwanderung zwischen Information und Präsenz einerseits und der Beachtung des Schamgefühls der betroffenen Menschen und auch Nichtbetroffenen andererseits. Ein Beleg dafür, dass Sie als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft sich dessen bewusst sind und sich mit dieser Gratwanderung auseinandersetzen, ist ein Faktum, das sich sicherlich auch im Namen Ihrer Gesellschaft widerspiegelt. So wurde aus der „Gesellschaft für Inkontinenzhilfe“ im Laufe der Zeit die „Deutsche Kontinenz Gesellschaft“.

 

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft wurde 1987 in Kassel gegründet und ist damit im Vergleich zu anderen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften eine relativ junge. Diese Tatsache mag angesichts der hohen Anzahl an Betroffenen verwundern. Denn in Deutschland geht man derzeit von bis zu 9 Millionen Menschen aus, die unter dem Problem der Inkontinenz in irgendeiner Form leiden. Dabei wird die Dunkelziffer sogar noch erheblich höher geschätzt. Es kann in jedem Fall festgestellt werden, dass es sich bei der Inkontinenz um eine Volkskrankheit mit fast schon endemischem Charakter handelt.

 

Führt man sich diese erstaunlich hohe Anzahl an betroffenen Menschen vor Augen, so lässt die Tatsache des am 18. November erst 22-jährigen Bestehens ihrer Gesellschaft nur den einen Schluss zu: Inkontinenz war bislang - und man muss teilweise leider auch noch „ist“ sagen - ein Tabuthema innerhalb der Gesellschaft.

 

Andere Erkrankungen, von denen Millionen betroffen sind, erfahren deutlich mehr Aufmerksamkeit, Toleranz und auch Akzeptanz. So wird beispielsweise Krebserkrankungen und der Bekämpfung von Krebs ein sehr starkes öffentliches Interesse gewidmet. Immens hohe Summen fließen in die Erforschung der Krankheit, in die Behandlung von Krebs und wie selbstverständlich auch in die Aufklärung und den Umgang mit dieser Krankheit.

 

Natürlich darf nicht vergessen werden, dass Krebs eine Erkrankung ist, die zu einem großen Prozentsatz tödlich verlaufen kann. Menschen, die unter Inkontinenz leiden, müssen sich jedoch ebenfalls tagtäglich und stündlich mit ihrer Erkrankung auseinandersetzen. Im Gegensatz zu Menschen mit Krebserkrankungen - und das ist ein entscheidender Aspekt - sind sie aber zusätzlich oftmals aus Scham und der noch immer andauernden gesellschaftlichen Tabuisierung von Inkontinenz gezwungen, dies im Stillen zu tun. Denn das Thema der Inkontinenz ist verständlicherweise keines, über das man grundsätzlich gerne spricht. In einer Vielzahl von Fällen bleibt den unter Inkontinenz Leidenden damit nur, den Umgang mit der Erkrankung mit sich selbst auszumachen. Es kann angenommen werden, dass diese Tatsache das Leiden der Betroffenen unwahrscheinlich verstärkt.

 

Wir alle wissen wie wichtig es im Umgang mit einer Erkrankung ist, sich jemandem anvertrauen zu können und sich einmal den Frust und die durch eine körperliche Dysfunktion verursachte psychische Belastung von der Seele reden zu können. Allein der Gedanke - „Ich bin nicht allein mit diesem Problem!“ - kann einem Betroffenen helfen und den Umgang mit dem eigenen Defizit erleichtern.

 

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft hat dies verstanden. Um betroffenen Menschen in dieser Hinsicht Hilfestellungen zu geben, im Rahmen des Möglichen zu behandeln und zu versorgen, arbeiten Sie alle - Urologen, Gynäkologen, Geriater, Neurologen,

Chirurgen, Pflegekräfte, Apotheker, Physiotherapeuten und Firmen der Pharmaindustrie in Form eines Förderkreises - mit den Betroffenen zusammen. Die von Ihnen gelebte Interdisziplinarität verdeutlicht in selten gesehener Anschaulichkeit Ihren gemeinsamen Wunsch, den Patienten in Kontinenzzentren, Beratungsstellen und kooperierenden Rehakliniken deutschlandweit zu helfen. In all diesen Einrichtungen versuchen Sie, sowohl Patienten als auch Ärzten durch transparenten Umgang diese wichtige Thematik näher zu bringen und Hemmschwellen abzubauen.

 

Mit Blick auf die Heidelberger Universitätsmedizin freue ich mich ausgesprochen über die konsequente und erfolgreiche Einrichtung eines interdisziplinären Kontinenzzentrums am Universitäts-klinikum Heidelberg, wodurch eine strukturelle Versorgungslücke im Rhein-Neckar Raum geschlossen worden ist. Die Einrichtung dieses Zentrums ist ein weiterer Beleg dafür, welche herausragende zukunfts- und vor allem auch patientenorientierte Rolle das Universitätsklinikum Heidelberg in der Hochschulmedizin-landschaft Deutschlands spielt.

 

Besonders hervorzuheben ist hinsichtlich der Inkontinenzerkrankungen dabei am Universitätsklinikum Heidelberg sicherlich die Arbeit, die in rekonstruktiven Fragestellungen geleistet wird. Mit großer Kompetenz widmet man sich dieser Aufgabe und erreicht durch die exemplarische Interdisziplinarität der verschiedenen Heidelberger Kliniken, z.B. Allgemeinchirurgie, Frauenklinik, Kinderklinik, Orthopädie II für Patienten mit Rückenmarks-verletzungen und Urologie, besonders gute Behandlungsergebnisse. Durch die enge Zusammenarbeit der Allgemeinchirurgie, der Urologie und der Orthopädie II in einer für Deutschland wohl einzigartigen Ausprägung werden hier Patienten mit Rückenmarksverletzungen optimal versorgt und behandelt. Dabei, und das ist das Wesentliche, wird bei den Verletzten ein Hauptaugenmerk auch auf die Wiederherstellung der Kontinenzfunktionen des Körpers gelegt.

 

Die Bedeutung dieser Arbeit habe ich aus Gesprächen mit Ihnen, sehr geehrter Herr Professor Hohenfellner, erfahren. Geschildert haben Sie dabei, wie wichtig das Funktionieren des eigenen Körpers für Menschen gerade unter dem Aspekt der Kontinenz ist. Es ist für Betroffene - und das mag den gesunden Menschen auf den ersten Blick ein wenig erstaunen - manchmal sogar bedeutsamer als die vollständige Beherrschung der Extremitäten. Sie haben mir eindrucksvoll von Fällen berichtet, in denen bei Querschnittsgelähmten der Wunsch, die Kontrolle über die körperliche Kontinenzfunktion wieder zu erlangen, dem Wunsch nach Mobilität deutlich vorangestellt war. Dies zeigt uns in bemerkenswerter Art und Weise, dass die Kontrolle über den eigenen Körper in diesem Bereich selbst bei Menschen, die aufgrund eines Unfalls oder schweren Schicksalsschlags an den Rollstuhl gefesselt sind, einen der grundlegendsten Faktoren des Wohlbefindens und des Selbstwertgefühls darstellt.

 

Sie alle, die Sie diese Gesellschaft und ihre Arbeit verkörpern, suchen Wege, die beeinträchtigten körperlichen Funktionen zu rekonstruieren, die Gesellschaft zu sensibilisieren und zumindest das für die betroffenen Menschen belastende Tabu dieser Thematik zu brechen. Dabei, und das zeichnet Sie als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft in meinen Augen in ganz besonderer Weise aus, beziehen Sie die Betroffenen in einer sehr ausgeprägten Form in Ihre Arbeit ein.

 

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft ist damit in meinen Augen weniger eine medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft im rein technischen Sinne. Vielmehr ist sie eine sensible und mit Herzblut verbundene Gemeinschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, zu heilen und zu helfen. Und selbst wenn in vielen Fällen den medizinischen Möglichkeiten zur Wiederherstellung dieser wichtigen körperlichen Funktionen sicherlich Grenzen gesetzt sind, so versuchen Sie alle aber gewiss, wenigstens das zu ertragende Leid zu erleichtern. Wie heißt es bei Äsop: „Trost für jeden im Leid ist Leidensgefährten zu haben!“ Dieses Motto lebt die Deutsche Kontinenz Gesellschaft in geradezu beispielhafter Art und Weise.

 

Sie gehen an die Öffentlichkeit und zeigen Präsenz. Sie geben den Betroffenen eine Plattform, sich offen und ohne Scheu mit der eigenen Erkrankung auseinander setzen zu können. Sie bieten den Erkrankten ein Forum, sich austauschen zu können und Informationen zu beschaffen. Und Sie brechen im Interesse der Betroffenen mit Ihrer Präsenz gegenüber denen, die nicht unter Inkontinenz leiden müssen, mit Bedacht und Umsicht das Stigma des Verschweigen-müssens und das Gefühl der Peinlichkeit.

 

Dass die Deutsche Kontinenz Gesellschaft diesen Weg unbeirrt und beharrlich geht und dabei bereits Erfolge erzielt, zeigt sich deutlich. So entstehen immer mehr Kontinenz- und Beckenboden-Zentren und bundesweite Beratungsstellen, die allesamt von Ihrer Gesellschaft zertifiziert sind. Der Bedarf an solchen Zentren und Beratungsstellen wird spürbar dadurch belegt, wie diese Einrichtungen durch die Bevölkerung angenommen werden. Die Kontinenz Gesellschaft arbeitet aber auch international und beteiligte sich natürlich in diesem Jahr an der vom Continence Promotion Comittee in Zusammenarbeit mit der International Continence Society (ICS) erstmals ins Leben gerufenen Aktionswoche. Bundesweit wurden zahlreiche Veranstaltungen unterstützt und es fanden in über 30 Städten mehr als 40 Veranstaltungen zu diesem Thema statt.

 

Ich wünsche der Deutschen Kontinenz Gesellschaft weiterhin eine erfolgreiche Arbeit. Denn es ist mir ein ausgesprochenes Anliegen, dass bei den Menschen eine echte und umfassende Offenheit und Akzeptanz erreicht werden kann, die Ihnen als Gesellschaft Ihr Wirken und den betroffenen Menschen den Umgang mit ihrem Leid erleichtert. Deshalb wünsche ich Ihnen auch eine fruchtbare Fortsetzung des Kongresses am morgigen Tage mit zielführenden Ergebnissen.

 

Ich will mit einem Gedanken schließen, der mir als erstes in den Kopf gekommen ist, als ich mich mit dem Wirken der Deutschen Kontinenz Gesellschaft beschäftigt und auf den heutigen Abend vorbereitet habe:

 

Wohl denen, die Ihre Arbeit und Ihre Hilfe gegenwärtig nicht zwingend benötigen, weil sie gesund sind. Aber welch Glück für die tatsächlich Betroffenen, dass es Sie alle, verehrte Anwesende, und die Deutsche Kontinenz Gesellschaft gibt!

 

Für den Moment wünsche ich uns allen aber nun einen weiterhin schönen Festabend.

 

Vielen Dank!