Fast so, als wäre nie etwas gewesen
Gesichtschirurg Prof. Hoffmann lässt Fehlstellungen und Spuren von Tumoren und Unfällen verschwinden

"Es wird blutarm": Das versprach der Referent seinem Publikum zu Beginn des Abends. Gesichtschirurgie war das Gebiet, durch das Prof. Jürgen Hoffmann vom Uniklinikum seine gut hundert Zuhörer in der Kopfklinik führte. Er nutzte die jüngste Ausgabe von "Medizin am Abend", die gemeinsame Veranstaltungsreihe von Rhein-Neckar-Zeitung und Universitätsklinikum, um die Geschichte seines Fachs und dessen technische Möglichkeiten vorzustellen. Auch einige Fallbeispiele samt Vorher-/Nachher-Fotos hatte er mitgebracht. Das Publikum folgte ihm fasziniert. Bei seinem Vortrag wurde deutlich: Vieles ist heutzutage möglich, wenn es darum geht, Patienten ihr Gesicht und damit auch ihre Identität wiederzugeben. "Unsere Grenzen sind eher ethischer als technischer Natur", so der Referent.
Da war zum Beispiel der Autofahrer, der einen Verkehrsunfall schwer verletzt überlebte. Sein ganzes Gesicht war geschwollen. "Er hat die Knautschzone seines Autos und auch die seines Gesichts getestet", merkte Hoffmann trocken an. Als Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg muss er zunächst verstehen, was hinter solch einer diffusen Schwellung steckt. "Das Mittelgesicht war gebrochen, und den Unterkiefer hat es zerlegt", so seine Analyse.
Mit seinem Team gelang es ihm, die Konturen wieder herzustellen, den Kiefer mit Hilfe von Schrauben und Platten wieder in Position zu bringen. Auf dem Foto, das Hoffmann zeigte, sah der Unfallfahrer später aus, als wäre nie etwas gewesen. "Wahnsinn", kommentierte ein Mann aus dem Publikum. Der Referent erklärte: "Unser Ziel ist, dass hinterher nichts mehr zu sehen ist. Wir wollen operieren, ohne zusätzliche Narben zu hinterlassen." Die Spannung der Haut, wie Falten sich bilden: All das wird berücksichtigt.
Die Anatomie im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich muss er genauestens kennen, muss wissen, wo Knochen hingehören, wie Muskeln verlaufen. Dass die Facharztausbildung nicht nur ein Studium der Human-, sondern auch der Zahnmedizin erfordert, ist dabei hilfreich – wenn auch "nicht ganz unaufwendig", wie Hoffmann zugab.
Die Verbindung besteht seit den Anfängen des Fachgebiets, die zwischen den Weltkriegen liegen. Kopf- und Gesichtsverletzungen waren in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs häufig, viele Soldaten kehrten als Gesichtsversehrte von der Front zurück. "Gueules cassées", zerschlagene Fressen, nannte man sie in Frankreich. "Der Zahnarzt brauchte den Chirurgen oder umgekehrt, um sie zu versorgen", berichtete Hoffmann.
Wie unerlässlich genaue Kenntnisse des Kopfbereichs sind, illustriert auch der Fall eines Jungen, dessen Augen im Verhältnis zu seinem Gesicht zu groß erschienen. Doch die Augen waren nicht das Problem. Stattdessen saß der Oberkiefer zu weit hinten, er musste weiter nach vorn. Wie kommt er dorthin? Indem man das Mittelgesicht bricht und den Oberkiefer sukzessive nach vorne zieht, bis er sich dort befindet, wo er hingehört. Und siehe da: Kaum war die Position des Oberkiefers verändert, erschien das Gesicht des Jungen normal, die Größe der Augen wirkte verhältnismäßig. "Solche Fälle sind sehr komplex, man muss erkennen, wo das Problem steckt", berichtete Hoffmann aus seinem Arbeitsalltag.
Mucksmäuschenstill war es im Hörsaal der Kopfklinik auch, als er ausführte, woher die Ärzte von heute ihr Wissen haben. Dazu, wie Schädel brechen, machte der französische Chirurg René Le Fort Anfang des 20. Jahrhunderts Experimente. Anhand von 35 Leichen untersuchte er, entlang welcher Linien Gesichtsknochen bei Gewalteinwirkung zu Bruch gehen. "Die Le-Fort-Klassifikation verwenden wir in unserer täglichen Routine immer noch", führte der Referent aus.
Zu dem alten Wissen kam freilich viel neues dazu, damit Mediziner seines Fachs Menschen nach Unfällen, mit Fehlbildungen oder Tumoren bestmöglich versorgen können. Die Kenntnis dessen, wie man Haut mitsamt der Gefäße transplantiert, mikrochirurgische Methoden, die die Wiederherstellung kleinster anatomischer Strukturen erlauben, die Fähigkeit, aus Wadenbein Unterkiefer entstehen zu lassen und dreidimensionale Modelle zu schaffen, oder auch etwa das Planen komplexer Eingriffe am Rechner gehören da mit dazu. "Am Uniklinikum ist unser Ziel, sowohl die Form als auch die Funktion zu erhalten", machte Hoffmann seinen Anspruch deutlich. Tür an Tür mit Fachbereichen wie etwa der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder auch der Neurochirurgie zu arbeiten, schaffe neue Möglichkeiten. "Wir können hier an die Grenzen unseres Fachs gehen", würdigte er seine Arbeitsbedingungen vor Ort.
Während die jüngsten seiner Patienten vier, sechs oder acht Wochen alt sind, haben die ältesten bereits ihren 100. Geburtstag hinter sich. Will man auch bei Letztgenannten alles machen, was geht? Auch betagten Menschen mit nurmehr begrenzter Lebenserwartung wolle er mehr Lebensqualität anbieten, versicherte Hoffmann in der lebhaften Fragerunde im Anschluss. "Hier müssen wir im Team und mit dem Patienten überlegen: Wollen wir alles ausschöpfen? Gibt es Alternativen? Wie steht es um die Risiken?", gab er den interessierten Zuhörern mit auf den Weg, bevor er sie ans Buffet entließ. Im Foyer der Kopfklinik standen die Zuhörer dann noch eine Weile bei Laugenstangen und Gemüse-Sticks beisammen und tauschten sich zu den Themen des Abends aus.
Info: In der nächsten Folge “Mehr als ein Piks: Moderne Impfstoffe verstehen und nutzen” referieren Prof. Alexander Dalpke und PD Dr. Julia Tabatabai am Donnerstag, 12. März, um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400.
Beitrag: Julia Lauer
Vorab-Interview „Gesichtschirurgen brauchen einen Blick für Ästhetik“
Oft führen Krebserkrankungen oder Unfälle Patienten zu Prof. Jürgen Hoffmann – Bei schwierigen Rekonstruktionen sind mehrere Teams gleichzeitig im Einsatz
Ein Gesicht sagt vieles aus. Was, wenn es verloren ist? Prof. Jürgen Hoffmann vom Universitätsklinikum rekonstruiert Gesichter nach Unfällen oder auch bei Tumorerkrankungen. Wie er zu seinem Beruf kam, welche Prioritäten er dabei setzt und wie solch ein Eingriff abläuft, erklärt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg, der auch Referent der nächsten Folge von „Medizin am Abend“ ist.
Professor Hoffmann, Sie operieren im Gesicht, wo mehr Sinnesorgane angesiedelt sind als überall sonst am Körper. Zugleich ist das Gesicht unsere Visitenkarte. Was ist wichtiger bei Ihrer Arbeit, die Ästhetik oder die Funktion?
Beides geht Hand in Hand, eines ist so wichtig wie das andere. Wir versuchen, alles so zu richten, dass es unauffällig bleibt. Dazu stehen uns viele Materialien und Techniken zur Verfügung. In gewisser Weise spielt die ästhetisch-plastische Chirurgie bei allem, was wir machen, eine Rolle.
Sprich: Sie nutzen das Repertoire der Schönheitschirurgie?
Selbstverständlich, aber bei uns ist alles medizinisch indiziert.
Was, würden Sie sagen, ist die wichtigste Fähigkeit, die ein Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg braucht?
Ein Chirurg muss generell dazu imstande sein, sein Handeln kritisch zu bewerten. Gesichtschirurgen brauchen außerdem einen Blick für Ästhetik, wir müssen die Proportionen kennen, müssen wissen, was im Gesicht wohin gehört.
Unterscheiden sich Ihre Techniken von denen der Chirurgen?
Wir verfügen über ein spezielles Instrumentarium und setzen auch besondere Techniken ein. Alles, was wir machen, folgt plastisch-chirurgischen Grundsätzen.
Wenn wir einen Schnitt setzen, berücksichtigen wir etwa die Hautspannung oder auch Falten. Wenn Sie Unfallpatienten versorgen, die einen Teil ihres Gesichts verloren haben, rekonstruieren Sie ein Gesicht, das Sie nie gesehen haben.
Wie gehen Sie dabei vor?
Ein Beispiel: Eine junge Frau stürzte von einem Parkhaus und trug im Gesichtsbereich etliche Brüche davon. Sie wurde an einer anderen Klinik erstversorgt, bevor sie zu uns kam. Sie war Fotomodell gewesen, es gab etliche Fotos von ihr, die wir vermengt haben, und eine Künstliche Intelligenz erstellte darauf basierend ein Modell. Das ist eine Möglichkeit, so eine Rekonstruktion vorzubereiten.
Ein großer Teil Ihrer Patienten sind Tumorpatienten, die im Gesicht operiert werden müssen. Wie groß sind die Teile eines Gesichts, die Sie rekonstruieren?
Oft sind es Tumoren der Haut oder der Mundhöhle, die Patienten zu uns führen. Wie umfangreich die Rekonstruktionen sind, unterscheidet sich daher stark. In manchen Fällen fertigen wir zum Beispiel aus dem Wadenbein des Patienten einen Unterkiefer an. Dabei entnehmen wir den Knochen samt den zugehörigen Gefäßen, um sie im Halsbereich anzuschließen. Das ist sehr aufwendig und komplex, solche Eingriffe dauern bis zu zwölf Stunden.
Wie kann man sich den Ablauf solch einer Operation vorstellen?
Dem Eingriff geht stets eine umfangreiche Planung anhand von Bildmaterial, insbesondere anhand von Röntgenbildern, voraus. Am Rechner spielen wir verschiedene Therapie-Optionen
durch. Wir operieren in der Kopfklinik, dabei sind stets mehrere Teams gleichzeitig im Einsatz. Eines entfernt den Tumor und die Lymphknoten, eines entnimmt das Transplantat, zum Beispiel Haut des Unterarms, ein weiteres Team setzt das Transplantat dann etwa als Zungen-Ersatz neu ein.
Transplantieren Sie auch Haut?
Ja, wir ersetzen Gesichtshaut beispielsweise mit Haut aus dem Oberschenkel.
Sie arbeiten auch mit Epithetikern zusammen, die aus Silikon Nasen, Augen oder Ohren anfertigen. Wie teilen Sie sich die Arbeit auf?
Wir legen den Ablauf der Operation fest und setzen die Implantate, der Epithetiker fertigt Gesichtsteile aus Kunststoff an, die daran befestigt werden.
Tumoren im Gesichtsbereich sind vergleichsweise selten, nehmen aber weltweit zu. Bekommen Sie das in der Klinik zu spüren?
Das lässt sich nicht so leicht beantworten, weil wir nicht nur Menschen aus der Rhein-Neckar-Region versorgen. Mit 120 Mitarbeitern und rund 30 Ärzten ist unsere Klinik eine der größten ihrer Art in Deutschland, es kommen Patienten aus dem ganzen Land, viele auch aus dem Ausland, zu uns.
Fast 2000 Menschen in Deutschland sind als Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg tätig. Warum sind es so viele?
Viele Fachärzte arbeiten in Praxen, wo sie nicht die ganze Bandbreite des Fachs bespielen, sondern beispielsweise Weisheitszähne operieren. Nur 300 oder 400 Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen sind an Kliniken tätig, wo sie die komplexen Fälle übernehmen.
Welche Operation führen Sie persönlich denn am häufigsten durch?
Das sind komplexe Gesichtsrekonstruktionen und kindliche Fehlbildungen, wie etwa auch bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen zählen.
Sie haben Humanmedizin und parallel Zahnmedizin studiert. Stand von Anfang an fest, dass Sie diesen Beruf ausüben wollen?
Nein, wie immer im Leben, hat sich das auch durch viele Zufälle und ärztliche Vorbilder ergeben. Anfangs habe ich Medizin studiert und habe Zahnmedizin dazugenommen, weil mich das Handwerkliche begeistert hat. Als ich dann mit 28 Jahren mit beidem fertig war, habe ich mich für diesen Weg entschieden.
Info: Prof. Jürgen Hoffmann spricht am Donnerstag, 19. Februar, zum Thema: „Ästhetik und Funktion: Was kann moderne plastische Gesichtschirurgie?“ Beginn ist um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400.
Beitrag: Julia Lauer
Impressionen des Abends
Referent

Univ.-Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Jürgen Hoffmann, Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsklinikum Heidelberg
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