Impfungen retten Millionen Menschenleben
Vakzine schützen vor Krankheiten und deren Folgen – Manche können womöglich auch noch mehr – Thema bei „Medizin am Abend“

Acht von zehn Personen sehen in Impfungen eine sinnvolle Maßnahme zur Krankheitsvorbeugung. Daneben gibt es auch eine skeptische Minderheit: Weniger als eine von zehn Personen ist der Auffassung, Impfungen nicht zu brauchen. Gerade erst in der vergangenen Woche veröffentlichte das Robert-Koch-Institut die Ergebnisse einer Online-Umfrage zum Thema Impfen. Nun traten mit Prof. Alexander Dalpke und Dr. Julia Tabatabei zwei Experten vom Uniklinikum an, um Ordnung in die Gedanken zu diesem Thema bringen. Welche Erfolge Impfungen mit sich bringen, welche Sorgen berechtigt sind und was andere Länder besser machen – all das war Thema bei „Medizin am Abend“, der gemeinsamen Abendvorlesung von Rhein-Neckar-Zeitung und Universitätsklinikum.
„Der größte Misserfolg von Impfungen ist ihr Erfolg“, zitierte Dalpke den früheren Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut Heinz Schmitt und damit desjenigen Gremiums, das Impfempfehlungen für die Menschen in Deutschland ausspricht und dem auch er und Tabatabai angehören. Mit dem Zitat wollte der Mikrobiologe zum Ausdruck bringen: Viele schwere Erkrankungen sind im Bewusstsein der Menschen kaum mehr präsent, weil Impfstoffe zuverlässig davor schützen. „Impfungen gegen Pneumokokken und Haemophilus influenzae b haben zwischen 2000 und 2015 1,35 Millionen Kindern das Leben gerettet“, berichtete er den rund 140 Zuhörern in der Kopfklinik von zwei Erregern, die bedrohliche Hirnhautentzündungen hervorrufen können. Ähnlich sehe es bei vielen weiteren Erkrankungen aus.
Auch der Erreger RSV, der die Atemwege befällt, ist nicht harmlos, wie Tabatabai nicht nur als Kinder- und Jugendärztin, sondern auch als Mutter zu berichten wusste. Dazu zeigte sie ein Bild eines Säuglings mit Sauerstoffmaske – es handelte sich um ihren Sohn, der sich im Alter von drei Wochen infiziert hatte. „Nach der Entbindung ist eine RSV-Infektion der häufigste Grund für einen Krankenhausaufenthalt für Kinder unter einem Jahr“, erklärte sie. Seit 2023 ist ein Impfschutz für Säuglinge zugelassen. Er werde gut angenommen, die Zahl der Erkrankungen sei deutlich zurückgegangen.
In anderen Bereichen würde sie sich eine höhere Impfbereitschaft wünschen. Nur 55 Prozent der Mädchen und 36 Prozent der Jungen sind mit 15 Jahren vollständig gegen Humane Papillomviren geimpft, die Tumoren am Gebärmutterhals, im Anal- und Mund-Rachen-Bereich verursachen können. Australien bietet die Impfung schon seit vielen Jahren flächendeckend an Schulen an – mit Erfolg, denn in der Generation der Jüngeren sei der Gebärmutterhalskrebs „praktisch komplett von der Bildfläche verschwunden“. In Deutschland hingegen bekommen viele Ärzte die Zielgruppe nicht zu Gesicht, schon gar nicht die Jungen, beklagte Tabatabai. Erschwerend kommt hinzu: „In Deutschland ist die Impfung mit dem ersten sexuellen Kontakt assoziiert, da warten Eltern lieber ab.“ Dabei könne man gar nicht früh genug impfen – empfohlen wird die Impfung allen Kindern zwischen neun und 14 Jahren. Seit der Einführung des ersten Impfstoffs im Jahr 2006 seien viele Daten erhoben worden. „Die Impfung verhindert Krebs“, resümierte die Ärztin.
Und Impfungen können möglicherweise noch mehr, als vor den Krankheiten zu schützen, auf die sie primär abzielen. Die Herpes-Zoster-Impfung bewahrt Geimpfte vielfach vor Gürtelrose und deren Folgen wie Nervenschäden. Geimpfte zeigten aber auch ein geringeres Risiko für Demenzen sowie für Schlaganfälle oder Herzinfarkte. Möglicherweise verlangsame die Impfung sogar das biologische Altern, stellte Dalpke das überraschende Ergebnis einer Beobachtungsstudie vor – ein Anti-Aging-Effekt als Nebenwirkung also.
Und wie ist es um die Risiken bestellt? Das war einer von vielen Aspekten, der das Publikum im Nachgang genauer interessierte. „Es ist natürlich so, dass nichts ohne Nebenwirkungen ist“, sagte Dalpke. Diese würden jedoch im Zuge der Zulassung von Impfstoffen gründlich untersucht. Die Impfkommission bewerte dann Nutzen und Risiko. „Wenn der Nutzen deutlich überwiegt, sprechen wir eine Empfehlung aus, gab er dem Publikum mit auf den Weg zum Buffet.
Info: Der nächste Termin: „Einblicke in die Notfallmedizin“ gibt Prof. Erik Popp am Donnerstag, 23. April, um 19 Uhr in der Kopfklinik.
Beitrag: Julia Lauer
Vorab-Interview „Es gibt Erreger, die einer Immunantwort mit cleveren Strategien entkommen“
Bisher konnten nur die Pocken mit einer Massenimpfung ausgerottet werden – Welchen Krebsarten lässt sich mit Vakzinen vorbeugen? – Thema bei „Medizin am Abend“
Die Geschichte der Impfungen begann vor 200 Jahren. Wie läuft es heute? Damit beschäftigen sich die beiden Mediziner Prof. Alexander Dalpke und Dr. Julia Tabatabai vom Heidelberger Universitätsklinikum. Die beiden Ärzte sind Referenten der nächsten Folge von „Medizin am Abend“, der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von Rhein-Neckar-Zeitung und Uniklinikum.
Sie sind beide Mitglieder der Ständigen Impfkommission, der Stiko, die je nach Altersgruppe bis zu 19 Impfungen empfiehlt. Gibt es aus Ihrer Sicht Impfungen, die wichtiger sind als andere?
Alexander Dalpke: Das kann man nicht sagen, weil sie alle vor potenziell gefährlichen Erkrankungen schützen. Neu ist etwa die RSV-Impfung für Ältere, nachdem man nicht nur bei sehr jungen, sondern auch bei älteren Patienten schwere Verläufe der Atemwegserkrankung beobachtet hat. Für alle Impfempfehlungen der Stiko gilt, dass sie auf wissenschaftlicher Grundlage entstehen. Immer wieder gibt es auch in der Fachwelt Diskussionen um Impfempfehlungen, etwa um die Herpes-Zoster-Impfungen gegen Gürtelrose, bevor ein Totimpfstoff erhältlich war.
Herrscht nun Konsens?
Dalpke: Die Stiko arbeitet konsensorientiert. Aber es gibt immer wieder Empfehlungen, mit denen nicht alle d’accord sind, das zeigte beispielsweise auch die Änderung der Meningokokken-Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche. Die Impfung zielt darauf ab, vor Hirnhautentzündungen zu schützen.
Julia Tabatabai: Seit vergangenem Herbst empfiehlt die Stiko Jugendlichen im Alter von zwölf bis 14 Jahren eine Impfung gegen bestimmte Typen der Meningokokken, und auch die Impfempfehlung gegen andere Gruppen des Erregers im Kleinkindalter wurde geändert. Das zeigt, dass die Stiko ihre Empfehlungen auf der Grundlage aktueller Daten immer wieder anpasst.
Mit Corona wurden Impfungen vermehrt zum Politikum. Wie haben Sie das erlebt?
Dalpke: Der mRNA-Impfstoff war damals neu, da gab es gewisse Bedenken. Die Stiko empfahl ihn auf der Basis der verfügbaren Daten und der medizinischen Evidenz. Kürzlich ergab eine Studie Hinweise darauf, dass die mRNA-Impfstoffe bei Tumorerkrankungen die Wirksamkeit von Immuntherapien erhöhen – ein positiver Nebeneffekt.
Tabatabai: In unserer Praxis in Niedersachsen haben wir eine gute Impfakzeptanz. Das zeigte auch die RSV-Prophylaxe für Säuglinge, die 2023 neu eingeführt und gut angenommen wurde.
Anfang des Jahres wurde in den USA die Zahl der empfohlenen Impfungen für Kinder gesenkt. Könnte das bei uns auch passieren?
Dalpke: Der amerikanische Gesundheitsminister ist impfkritisch eingestellt und hat Mitglieder der dortigen Impfkommission ersetzt. Bei uns könnte so etwas nicht so einfach passieren, weil die Stiko unabhängig von politischer Einflussnahme ist und jede ihrer Empfehlungen – genauso wie deren Rücknahme – ein evidenz- und datenbasiertes Prozedere erfordert.
In seltenen Fällen können Impfungen schwere Schäden an Organen oder am Zentralen Nervensystem verursachen. Gibt es eine zeitliche Frist, nach der man auf der sicheren Seite ist?
Tabatabai: Je mehr Zeit vergeht, desto unwahrscheinlicher ist, dass das Problem mit der Impfung zusammenhängt.
Dalpke: Üblicherweise gibt es einen sehr engen zeitlichen Zusammenhang, etwa bei Fieber. Dauerhafte Einschränkungen sind extrem selten, für Symptome, die mehr als zwei Wochen nach einer Impfung auftreten, ist ein Zusammenhang sehr unwahrscheinlich.
Tabatabai: Sie sind so selten, dass das Präventionsziel deutlich überwiegt. Als Stiko wägen wir die Wirkung und Sicherheit eines Impfstoffes immer ab.
In manchen Impfungen werden Aluminiumverbindungen eingesetzt, um die Wirkung zu verstärken. Wie unbedenklich ist das?
Dalpke: Die Mengen sind zu gering, um einen Schaden hervorzurufen. Keine einzige Studie belegt, dass die Aluminiumverbindungen ein Problem darstellen.
Bisher sind Pocken die einzige Erkrankung, die mit einer Massenimpfung ausgerottet werden konnte. Warum gelingt das bei anderen Krankheiten nicht?
Dalpke: Voraussetzung ist, dass es gute Impfstoffe gibt, gute Impfprogramme und die Krankheit nur bei Menschen auftritt. Auch bei der Kinderlähmung wäre das grundsätzlich möglich, aber es werden nicht überall auf der Welt die notwendigen Impfquoten erreicht.
Bei Masern gibt es in Deutschland seit 2020 eine Impfpflicht für bestimmte Gruppen. Würden Sie bei weiteren Krankheiten dazu raten?
Dalpke: Es ist immer besser, die Menschen zu überzeugen, als sie zu zwingen. In bestimmten Situationen kann eine Impfpflicht aber dennoch nötig sein, um auch etwa andere Menschen zu schützen.
Tabatabai: Masern ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine Impfung nicht nur die geimpfte Person, sondern auch andere Menschen schützt.
Wie steht es um die Bemühungen, neue Impfstoffe zu entwickeln?
Dalpke: Es wäre schön, wir hätten Impfstoffe gegen Malaria, HIV oder Tuberkulose. Aber es gibt Erreger, die clevere Strategien haben, einer Immunantwort zu entkommen. Manche Erreger verändern sich schnell, Hepatitis C sogar innerhalb eines Patienten.
Impfungen können das Krebsrisiko senken: die Hepatitis-B-Impfung das von Leberkrebs, die HPV-Impfung etwa das von Gebärmutterhalskrebs. Sind weitere Impfungen dieser Art zu erwarten?
Tabatabai: Man weiß um weitere Erreger, die hinter Tumorerkrankungen stecken. Das Epstein-Barr-Virus kann Krebserkrankungen des Lymphsystems verursachen, das Bakterium Helicobacter Magenkrebs. Es lässt sich jedoch noch nicht absehen, wann hier Impfstoffe zum Einsatz kommen.
Dalpke: Und die Impfung gegen HPV haben wir zwar, aber die Impfquoten liegen je nach Region in Deutschland weit unterhalb derer, die wir uns wünschen.
Ist auch eine Schutzimpfung denkbar, die Zellen vor dem Mutieren bewahrt und so vor Krebs insgesamt schützt?
Dalpke: Therapeutische Impfungen gegen Krebs bei bereits Erkrankten werden intensiv beforscht. Aber bei Impfungen, die vor Krebs schützen, sieht das anders aus. Die Entstehung von Krebs ist sehr heterogen, und oft ähneln die entarteten Zellen den gesunden, sodass sie vom Immunsystem nicht zu erkennen sind. Eine Schutzimpfung wird es auf absehbare Zeit also wohl nicht geben.
Info: „Impfungen und Impfstoffherstellung“ sind das Thema von Alexander Dalpke und Julia Tabatabai am Donnerstag, 12. März, um 19 Uhr in der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400.
Beitrag: Julia Lauer
Impressionen des Abends
Referenten

Prof. Dr. Alexander Dalpke, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Mikrobiologie und Hygiene am Zentrum für Infektiologie, Universitätsklinikum Heidelberg
Foto: Hendrik Schröder/UKHD

PD Dr. Julia Tabatabai, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Angelika-Lautenschläger-Klinik, Klinik Kinderheilkunde I, Universitätsklinikum Heidelberg
Foto: Jörg Rodrian/UKHD
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