Wenn es um die Wurst geht
Notfallmediziner Prof. Popp bei „Medizin am Abend“ – „Reanimation gehört an die Schulen“

In rund 30 Prozent der Fälle wird ein Notarzt verständigt, ohne dass ein Notfall vorliegt. Aber woran erkennt man, dass es wirklich ernst ist? Um Fragen wie diese ging es in der jüngsten Ausgabe von „Medizin am Abend“, der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von Rhein-Neckar-Zeitung und Universitätsklinikum. Rund 210 Interessierte waren in den Hörsaal der Kopfklinik gekommen, um die Antworten darauf zu bekommen.
Ohne allzu viele Verweise auf die Forschungsliteratur zum Thema, dafür aber sehr lebensnah führte Erik Popp sein Publikum in die Welt der Notfallmedizin ein. Dazu gehörten viele Tipps für den Ernstfall, ein historischer Abriss über die Entwicklung des Rettungswesens und die Vorstellung eines besonderen Rettungsfahrzeugs, das in Heidelberg erfunden wurde und das bis in die Nacht hinein zu Anschauungszwecken vor der Klinik parkte. Mit eingeschaltetem Blaulicht, versteht sich.
Ein Notfall, das wurde deutlich, ist im Grunde leicht definiert. „Das sind die Sachen, bei denen es um die Wurst geht“, erklärte Popp. Es geht also nicht um die Rückenschmerzen, die seit Wochen nicht besser werden, sondern um die heiklen Fälle. Oft sind es Unfälle, die dringenden Handlungsbedarf nach sich ziehen, Klassiker sind aber auch der Herzinfarkt („er macht sich bemerkbar durch starke Schmerzen in der Brust, gegebenenfalls Atemnot und Beklemmungs- oder Angstgefühle“), der Schlaganfall („wenn die Mundwinkel herabhängen, eine halbseitige Lähmung auftritt oder eine Sprachstörung eintritt, wählen Sie 112“) oder auch allergische Reaktionen mit Rötungen, Quaddeln und Schwellungen bis hin zu Atemnot.
Natürlich, hinter diesen Symptomen können auch weniger gravierende Probleme stecken. Aber in der Notfallmedizin gehe man bis zum Beweis des Gegenteils vom schlimmsten Fall aus, berichtete der Anästhesist. Wenn eine ernsthafte Gefahr im Raum steht, verständigen Laien die Rettung lieber einmal zu viel als einmal zu wenig (siehe Hintergrund). „Wer bezahlt denn, wenn ein Verunglückter bis zum Eintreffen der Rettungskräfte wieder aufsteht?“, wollte eine Zuhörerin wissen. Darum müsse sich der Anrufer keine Sorgen machen, beruhigte Popp. Das sei zwar eine Fehlfahrt für den ohnehin unterfinanzierten Rettungsdienst, doch solche Fälle seien einkalkuliert.
Wenn tatsächlich ein Herz-Kreislauf-Stillstand vorliegt, gelinge die Reanimation in Deutschland in 42,9 Prozent der Fälle, berichtete Popp – aber damit sind die Patienten leider nicht überm Berg: „Lebend aus dem Krankenhaus entlassen werden 10,9 Prozent.“ Was ließe sich hier tun? Ein Ansatz, den Popp vorstellte, ist das Einsatzfahrzeug „Medical Intervention Car“, mit dem er invasive Techniken zu den Patienten bringt. Der Kombi ist etwa mit einer transportablen Herz-Lungen-Maschine ausgestattet, die während des Transports in die Klinik die Funktion von Herz und Lunge übernimmt. Und auch ein Ultraschallgerät gehört zum Equipment, das in die Speiseröhre geschoben wird und Aufschluss über die Wirksamkeit einer Herzdruckmassage gibt – das beeindruckte Publikum sah sich den Volvo nach dem Vortrag nur zu gerne selbst an.
Doch noch Weiteres ließe sich tun. „Die Laienreanimation gehört an die Schulen“, forderte Popp. Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand erhöht eine sofort begonnene Herzdruckmassage die Überlebenschancen deutlich. Um vorbereitet zu sein, konnte man sich darin im Foyer auch gleich an Plastiktorsos üben. Ein Computerprogramm übernahm die Auswertung. Und als Popp gegen seine Familie antrat, ging er denn auch als Gewinner hervor – ganz so, wie man es von einem Notfallmediziner erwartet.
Hintergrund
Was tun im Notfall?
> Was tun, wenn man Zeuge eines Notfalls wird? Dafür gab Erik Popp dem Publikum eine einfache Anleitung mit auf den Weg: prüfen, rufen, drücken. Und zwar in dieser Reihenfolge.
> Prüfen: Wenn derjenige auf dem Rücken liegt oder auf den Rücken gedreht wurde, stellen sich folgende Fragen: Reagiert er? Atmet er normal? Wenn keine Reaktion erfolgt, die Atmung ausgesetzt ist oder in dieser Frage Unklarheit herrscht, muss gehandelt werden.
> Rufen: Unter der Telefonnummer 112 ist der Notruf abzusetzen.
> Drücken: Dann erfolgt die Herzdruckmassage: Neben dem Bewusstlosen knien, beide Handballen übereinander auf dessen Brustbein oberhalb des Rippenbogens platzieren und senkrecht von oben mit gestreckten Armen drücken, fünf bis sechs Zentimeter tief und rund 120 Mal pro Minute. Durchhalten, bis der Rettungsdienst eintrifft – oder sich derjenige dagegen wehrt.
Info: Die nächste Folge: Um die Nieren geht es am Donnerstag, 21. Mai. Prof. Julia Weinmann-Menke spricht um 19 Uhr.
Beitrag: Julia Lauer
Vorab-Interview „Es zählt jeder Moment“
Meist stecken Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Unfälle hinter Notfällen – Mit einem besonderen Einsatzfahrzeug bringt Prof. Erik Popp invasive Techniken vor Ort
Den größten Teil seines Arbeitstags ist Prof. Erik Popp als Anästhesist am Uniklinikum tätig. Doch er rückt auch zu Notfällen aus: Dann geht es um Leben und Tod. Fragen an den Mediziner, der Referent der nächsten Folge von „Medizin am Abend“ ist, der gemeinsamen Abendvorlesung von Rhein-Neckar-Zeitung und Uniklinikum.
Prof. Popp, Sie helfen verunglückten Menschen nicht nur als Anästhesist im Schockraum, sondern auch als Notarzt vor Ort. Wenn die Vitalfunktionen versagen: Wie viel Zeit haben Sie?
Vieles lässt keinerlei Aufschub zu. Ein Kreislaufzusammenbruch mit Herz-Stillstand erfordert eine unverzüglich eingeleitete Herzdruckmassage, um die Überlebenschancen zu erhöhen. Auch wenn das Gehirn etwa infolge von Verkehrsunfällen mit hohem Blutverlust keinen Sauerstoff bekommt, sterben Nervenzellen ab, was bleibende Schäden hervorruft. Da zählt jeder Moment.
Was bedeutet das in Minuten?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Kinder und junge Menschen sind tendenziell stärker gefährdet, sie haben weniger Sauerstoffreserven. Auch die Umgebungstemperatur spielt mit hinein: Bei kühlen Temperaturen kommt der Körper ohne Sauerstoff etwas länger zurecht. In allen Fällen gilt: Wenn der Patient nicht rechtzeitig merkt, dass etwas nicht stimmt, und keiner das mitbekommt, wird es sehr gefährlich.
Welche Krankheiten führen am häufigsten zu Notfällen?
Hauptverursacher sind die kardiovaskulären Krankheiten wie der Herzinfarkt und neurologische Notfälle. Hier ist es insbesondere der Schlaganfall. Dazu kommen Unfälle aller Art.
Die Notfallmedizin arbeite an der Belastungsgrenze, heißt es oft. Wie läuft es in Heidelberg?
Die Zahl der Einsätze ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich gestiegen. Was jedoch auch zunimmt, ist die Tendenz, auch bei den weniger schweren Fällen bei der Leitstelle statt beim Hausarzt anzurufen, also etwa wegen einer Bronchitis oder einem verknacksten Fuß. Rund um Heidelberg hat man zusätzliche Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeuge in den Dienst gestellt, aber aufgrund der hohen Zahl der Einsätze ist die Last noch immer hoch.
Bekommen Sie die Schließung von Notfallpraxen in Baden-Württemberg auch zu spüren?
Das ist ein großes Problem. Das zu lösen, ist Sache der Politik.
Die Bundesregierung hat eine Reform der Notfallversorgung angekündigt.
Wir warten darauf, wie und in welcher Form die Reform kommt.
Wie schnell muss die Rettung beim Patienten sein?
Vom Notruf bis zum Eintreffen sollen in Baden-Württemberg in 95 Prozent der Fälle nicht mehr als zwölf Minuten vergehen. So wurde die Frist im vergangenen Jahr festgelegt, als Planungsgröße und nicht als einklagbares Recht. Allerdings kam man schon an die 15 Minuten, die zuvor galten, oft nicht heran.
Was sind die Kriterien dafür, dass ein Notfall vorliegt?
Ein Notfall zeichnet sich dadurch aus, dass eine akute Notwendigkeit für medizinische Maßnahmen vorliegt. Atemnot oder Kreislauf-Stillstand sind Beispiele für einen Notarzt-Einsatz. Die Leitstelle hat den Überblick über die zur Verfügung stehenden Rettungsmittel und entscheidet über deren Einsatz.
In Heidelberg haben Sie ein besonderes Einsatzfahrzeug eingeführt, das Medical Intervention Car (MIC). Was kann es, was andere Fahrzeuge nicht können?
Unser MIC ähnelt einem normalen Notarzteinsatzfahrzeug. Die Besonderheit ist, dass es invasive Techniken vor Ort bringt, die vorher nicht möglich waren. Es verfügt etwa über eine Herz-Lungen-Maschine, die beim Kreislauf-Stillstand die Funktion von Herz und Lunge so lange übernehmen kann, bis das zugrunde liegende Problem in der Klinik gelöst wird.
Wie häufig kommt sie zum Einsatz?
In den vergangenen sechs Jahren, in denen wir das MIC haben, haben wir 41 Patienten daran angeschlossen und sicher ins Krankenhaus gebracht.
Haben sie alle überlebt?
Nein. Ein Fünftel der Patienten überlebte, und das mit nur wenigen neurologischen Schäden. Wenn wir die Herz-Lungen-Maschine in Betrieb nehmen, sind die Patienten klinisch tot und die normalen Reanimationsbemühungen haben nicht gegriffen. Vor diesem Hintergrund ist das ein guter Wert. Ohne die mobile Herz-Lungen-Maschine hätten maximal zehn Prozent überlebt, also nur die Hälfte.
Was gehört noch zur Ausstattung?
Wir nutzen ein Ultraschallgerät für die Speiseröhre, um beispielsweise bei bewusstlosen Patienten zu kontrollieren, ob die Herzdruckmassage funktioniert. Das Heidelberger MIC war vor sechs Jahren das erste Fahrzeug, das die Gabe von Fremdblut ermöglichte. Zusätzlich können wir auch vor Ort den Brustkorb öffnen, bei Schuss- oder Stichverletzungen oder Stürzen aus großer Höhe.
... hoffentlich ein seltener Eingriff?
Wir haben den Thorax in sechs Jahren zehnmal geöffnet, ein Patient überlebte. Das entspricht zehn Prozent der Fälle – auch das ist eine Verdopplung der üblichen Zahlen, denn einen traumatischen Kreislauf-Stillstand überleben nur fünf Prozent. Der Mann, den wir gerettet haben, hatte eine einzelne Stichverletzung. Ohne den Eingriff wäre er gestorben.
Wie oft rückt Ihr Fahrzeug denn insgesamt aus?
Wir waren damit bisher ca. 680-mal im Einsatz, rund zweimal wöchentlich. Wir würden die Verfügbarkeit gerne täglich rund um die Uhr anbieten, aber dazu fehlt die Finanzierung.
Wenn Sie einen bewusstlosen Patienten vorfinden: Wie erkennen Sie denn überhaupt, wo das Problem ist?
In der Notfallmedizin behandeln wir zuerst, was die größte Gefahr darstellt. Dazu gehören die Sicherung der Atemwege, die Unterstützung der Atmung und des Kreislaufsystems. Bei äußeren Verletzungen sorgen weitere Maßnahmen dafür, Blutungen zu stoppen oder Knochenbrüche zu stabilisieren. Ziel ist, die Lebensbedrohung schnellstmöglich abzuwenden und den Patienten in eine geeignete Klinik zu bringen.
Info: „Wenn jede Minute zählt: Einblicke in die Notfallmedizin“ gibt Erik Popp am Donnerstag, 23. April, um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400.
Beitrag: Julia Lauer
Impressionen des Abends
Referenten

Prof. Dr. Erik Popp, Leiter der Sektion Notfallmedizin sowie Leiter der Stabsstelle Krisen- und Katastrophenmanagement, Universitätsklinikum Heidelberg
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