Urvertrauen schützt vor psychischen Erkrankungen
Welche Faktoren machen Kinder resilienter? – Prof. Taubner: Sichere Bindung entscheidend – Elterntrainings können helfen
Alle Eltern wollen bekanntlich das Beste für ihre Kinder. Nur: Was ist das? Wenn es die eine Sache gibt, die in der Kindererziehung zählt, dann ist das die Erfahrung von sicherer Bindung. „Eine sichere Bindung ist der Erfolgsfaktor“, brachte es die Psychologin Prof. Svenja Taubner vom Heidelberger Universitätsklinikum in ihrem Abendvortrag am Donnerstag
auf den Punkt. Sie befasste sich in der jüngsten Ausgabe von „Medizin am Abend“, der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von Rhein-Neckar-Zeitung und Universitätsklinikum, mit der mentalen Gesundheit von Kindern – dabei ging es nicht nur darum, was sie gefährdet,
sondern auch darum, wie man sie stärken kann.
Wenn es Eltern gelingt, dem Nachwuchs bei Bedarf Trost und Hilfe zu bieten sowie körperliche und emotionale Nähe zu ihm herzustellen, sei das der Nährboden für viele Fähigkeiten, resümierte Taubner in ihrem Vortrag, in welchem sie ihrem Publikum nicht nur
psychologische Studien gut verständlich näherbrachte, sondern es auch mit vielen praktischen Tipps für eine bessere Eltern-Kind-Beziehung versorgte (siehe Hintergrund). Über die frühkindliche Erfahrung von Geborgenheit und Sicherheit lernten Kinder, sich selbst zu vertrauen und der Welt neugierig gegenüberzutreten, erläuterte die Fachfrau. Sicher gebundene Kinder sind somit auch im weiteren Leben noch besser vor Stress und somit vor psychischen Belastungen geschützt.
Doch damit endet die Liste an Vorteilen nicht. „Viele Studien belegen den Erfolg von sicherer Bindung. Sie führt beispielsweise auch zu besseren sprachlichen Fähigkeiten und besseren Schulerfolgen.“ Und wie häufig gelingt es den Eltern, ihren Kindern dieses Urvertrauen in sich selbst und die Welt mit auf den Weg zu geben? „60 Prozent der Kinder sind sicher gebunden“, berichtete Taubner – mehr als die Hälfte, immerhin.
Angststörungen, Verhaltensstörungen, Depressionen und ADHS – viele Jugendliche
sind von psychischen Krankheiten betroffen, und es werden immer mehr. Darauf hatte Klinik-Chef Prof. Jürgen Debus bereits in seiner Begrüßung hingewiesen. „Die Krankheiten in jungen Jahren nehmen zu“, umriss er die Problematik. Das war ein Aspekt, auf den auch Taubner einging. Nicht nur seien die psychischen Krankheiten zusammengenommen das häufigste Leiden überhaupt. „Besonders häufig beginnen psychische Krankheiten um das
14. Lebensjahr herum“, sagte sie. „Und wenn Kinder die Grundschule verlassen, hatten 20 Prozent bereits mit psychischen Problemen zu kämpfen.“
Warum einer eine psychische Krankheit entwickelt und ein anderer nicht, lässt sich nicht leicht erklären. „Darüber entscheidet eine komplexe Wechselwirkung aus genetischer Ausstattung und Umwelterfahrung“, berichtete Taubner. Kinder, die sehr empfänglich
für Umweltreize sind, würden mit höherer Wahrscheinlichkeit sehr glücklich oder sehr unglücklich als ihre robusteren Altersgenossen, berichtete sie den Zuhörern, die hierzu im Anschluss an den Vortrag auch noch einige Fragen hatten. Die Empfänglichkeit für äußere
Reize sei kein Defekt, so die Psychologin. „Sensitiv zu sein, ist auch eine Gabe. Man braucht aber eine entsprechende Umgebung, um blühen zu können.“
Nun ist nicht nur bekannt, dass eine gute Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson
der beste Schutz vor dem Auftreten psychischer Krankheiten ist, sondern man weiß auch um die Risikofaktoren. Dazu zählen insbesondere Gewalt und Missbrauch. Wie folgenreich
belastende Kindheitserfahrungen für das spätere Leben sind, weiß man aus vielen Studien – etwa der des amerikanischen Mediziners Vincent J. Felitti aus dem Jahr 1998, auf die Taubner näher einging. Felitti hatte mehr als 9000 Versicherte, um deren Krankengeschichte
man wusste, nach unterschiedlichen Kategorien schwer belastender Kindheitserlebnisse befragt. Ergebnis: umso mehr belastende Kindheitserfahrungen, desto höher das Risiko für Alkoholabhängigkeit, Drogenmissbrauch oder auch etwa Depressionen.
Noch etwas kommt hinzu: „Menschen mit aversiven Kindheitserfahrungen haben ein hohes Risiko, sie an ihre Kinder weiterzugeben“, so Taubner. Die alten Wunden wirken lange fort, und so fühlten sich Eltern ohne eigene sichere Bindung beispielsweise schnell von ihren Kindern zurückgewiesen. Doch hier lässt sich etwas tun, machte sie Mut: Mit Trainings wie sie das Institut für Psychosoziale Prävention anbietet, könnten überforderte Eltern lernen, ihren Kindern einen sicheren Hafen anzubieten. „Das Elternverhalten lässt sich schon mit einem kurzen Workshop beeinflussen“, so die Psychologin.
Hintergrund:
Dazu, wie sich die Eltern-Kind-Beziehung verbessern lässt, hatte Prof. Svenja Taubner ein paar Tipps parat:
> Reparieren: „Auch wenn Sie gekränkt sind, Sie sind älter, weiser, freundlicher“, rief sie in Erinnerung. „Gehen Sie auf das Kind zu. Es ist nie zu spät, sich zu entschuldigen.“ Eines sei dabei zu vermeiden: das Aber. „Sagen Sie nicht: Tut mir leid, aber du hast dich echt daneben benommen.“
> Mentalisieren: Der Begriff bezeichnet die Fähigkeit, die eigene Befindlichkeit und die des anderen zu erkennen und zu reflektieren. Das, meint Taubner, ließe sich üben. Zum Ausdruck zu bringen, wie ein Erlebnis für das Kind gewesen sein muss, vermittle Sicherheit und Wärme („Kein Wunder, dass du wütend bist“).
> Hilfe beim Motivieren: Empathie auszudrücken, könne beim Motivieren helfen, meint Taubner („Nach einem Schultag noch zu lernen, ist total anstrengend“). Auch Widersprüche herauszuarbeiten, könne sinnvoll sein („Du wünschst dir gute Noten, hast aber bisher keinen Plan, wie du sie bekommst?“).
Info: Die nächste Folge: Am Donnerstag, 16. Oktober, befassen sich Prof. Andreas Schneeweiss und Dr. Laura Michel um 19 Uhr mit Brustkrebs.
Beitrag: Julia Lauer
Vorab-Interview
Psychologin: "Wir ermutigen Eltern, Schwierigkeiten mit Kindern zu reparieren"
Psychologin Svenja Taubner weiß, was Familien tun können, um psychischen Stress des Nachwuchses zu reduzieren.
Stress und Krisen gehen auch an Kindern und Jugendlichen nicht vorbei. Was entscheidet darüber, ob psychische Krankheiten daraus folgen? Und wie kann man den Nachwuchs dabei unterstützen, gesund aufzuwachsen? Fragen an Svenja Taubner, Psychologie-Professorin am Heidelberger Universitätsklinikum. Sie ist Referentin der nächsten Folge von "Medizin am Abend", der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von RNZ und Uniklinikum.
Frau Prof. Taubner, die Hälfte aller psychischen Erkrankungen tritt schon vor dem 18. Lebensjahr auf. Dabei lässt sich eine besondere Häufung mit 14 Jahren beobachten. Warum ausgerechnet dann?
Eine Hypothese ist, dass die Schwierigkeiten früher beginnen und dann aufblühen in diesem Alter, in dem die Anforderungen an die Selbstständigkeit steigen und die hormonelle Umstellung noch hinzukommt. Überforderung und Probleme mit der Regulation von Emotionen können die Folgen sein.
Sie sagen, die Wurzeln reichen weiter zurück. Manchmal heißt es, die ersten drei Jahre seien entscheidend, manchmal ist aber auch von den ersten fünf die Rede. Was stimmt denn nun?
Beides. Denn die Gehirnentwicklung macht im Alter von drei Jahren einen Schub und einen weiteren mit fünf. Die ersten drei Jahre sind entscheidend für die Bindungsfähigkeit, das ist die Schablone für die späteren Beziehungen im weiteren Leben. Bis zum fünften Lebensjahr entwickelt sich die Fähigkeit von Kindern zum Mentalisieren – also dazu, das eigene Befinden und das von anderen zu verstehen und zu reflektieren.
Und auch das Bewusstsein für die eigene Persönlichkeit mit einer eigenen Geschichte bildet sich bis zu diesem Alter heraus. Auch dieser Zeitraum ist also entscheidend. Kinder sind nicht super-empfindlich. Aber wenn ihre Bedürfnisse durch die Eltern chronisch übergangen werden, ist das ein Risiko für ihre psychische Gesundheit.
Wer ist denn besonders gefährdet, ein psychisches Leiden zu entwickeln?
Missbrauch in Form von sexuellen Übergriffen oder Gewalt in der Erziehung ist der größte Risikofaktor. Aber auch überforderte Eltern und Eltern, die ihre Kinder auslachen, sie ständig kritisieren oder ihnen zu verstehen geben, wenig wert zu sein, sind ein Risiko.
Für fast alle Störungsbilder gilt, dass Kinder und Jugendliche befürchten, sie seien Hochstapler mit ihren Problemen. Ihre Verletzungen sieht man ihnen nicht an, und so dauert es lange, bis sie ihre eigenen Wunden anerkennen und Hilfe in Anspruch nehmen.
Wie oft wird ihr Leiden denn dann überhaupt entdeckt?
Störungen zu kurieren ist eine Herausforderung, die sich durch alle Altersklassen zieht. In der Psychologie haben wir den Fokus lange darauf gelegt, Therapien zu verbessern, dabei ist es noch dringender, Menschen überhaupt in Therapie zu bekommen. Nur fünf Prozent aller psychisch Kranken nehmen sie in Anspruch, und sie kommen spät, bei Depressiven vergehen im Schnitt fünf Jahre.
Bei Jugendlichen sind die Barrieren hoch, noch dazu sind die Wartezeiten auf einen Platz länger als bei Erwachsenen. Wir erstellen gerade eine App, bei der Jugendliche mit einem Therapeuten chatten können. Wir hoffen, die Hürden auf diesem Weg zu senken. In Schweden haben sich Online-Angebote mit regelmäßigem Therapeutenkontakt als sehr erfolgreich erwiesen.
Unter den Jugendlichen ist fast jeder fünfte psychisch auffällig, heißt es in Studien – eine ganze Menge. Welche Krankheitsbilder sind am häufigsten?
Angststörungen liegen auf Platz eins, gefolgt von Verhaltensstörungen, Depressionen und ADHS. Die psychischen Erkrankungen zusammengenommen sind damit die häufigste Erkrankung überhaupt. Und bei den Zahlen, die Sie nennen, sind nur diejenigen Jugendlichen erfasst, die das Vollbild der Erkrankung erfüllen.
Die Vorstufen sind da noch gar nicht mit drin. Oft zeigen sich Auffälligkeiten schon im Grundschulalter. Hier wäre es wichtig, präventiv einzugreifen, wenngleich das Gesundheitswesen an solchen Angeboten spart. In Heidelberg haben Kollegen vor diesem Hintergrund die "At-Risk"-Ambulanz für Jugendliche ins Leben gerufen. Man kann sich dorthin wenden und eine Diagnostik durchführen. Auch bei psychischen Erkrankungen verbessert die Früherkennung und -behandlung die Prognose.
Über Risikofaktoren haben wir schon gesprochen. Doch was entscheidet letztlich darüber, ob jemand krank wird oder nicht?
Wer sehr empfänglich für Umweltreize ist, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, besonders glücklich oder besonders unglücklich zu werden. Ein Beispiel: Bei Borderlinern, mit denen wir in Heidelberg sehr viel arbeiten, haben wir es mit empathischen, sehr durchlässigen, sehr emotionalen Menschen zu tun, die stark mit ihren Mitmenschen mitschwingen, also viele Stärken aufweisen.
Bei einer fehlenden frühen Unterstützung geraten sie leicht ins Wildwasser, weil ihnen das Ruder für die starken Emotionen fehlt. Für sie ist wichtig, dass sie möglichst früh ihre Mentalisierungsfähigkeit und Emotionsregulation trainieren, was sie in den Momenten starker Emotionen schützen kann. Bei psychischen Erkrankungen haben wir es oft mit einer ganzen Reihe von Ereignissen zu tun, die zusammenkommen. Doch das bedeutet auch, dass es viele Stellen gibt, an denen man eingreifen könnte.
Wie können Eltern denn dazu beitragen, Stressoren zu reduzieren?
Vorab muss man sagen: Kinder können Eltern sehr stark triggern, und niemand ist perfekt. In unseren Elterntrainings ermutigen wir Eltern dazu, zu ihren Fehlern zu stehen und Schwierigkeiten mit ihren Kindern zu reparieren. Außerdem unterstützen wir sie darin, die beiden Bedürfnisse ihrer Kinder – Sicherheit und Neuerkundung – als solche zu erkennen und nicht als Infragestellen ihrer Autorität zu interpretieren.
Wenn etwa wütende Kinder im Streit damit drohen, auszuziehen, äußern sie damit das Bedürfnis nach einem sicheren Hafen. Wenn Eltern darum wissen, können sie darauf eingehen – indem sie sie trösten. Manchmal wollen Eltern ihre Kinder auch nicht zu sehr verwöhnen. Aber Kinder unter drei Jahren lügen und manipulieren nicht, hinter jeder Äußerung steht ein Bedürfnis; verwöhnen kann man sie also gar nicht.
Auch die Großeltern können hier unterstützen, argumentieren Sie. Welche Rolle können sie ausfüllen?
Wenn ein Leuchtstrahl von den Eltern ausgeht, können Großeltern einen zusätzlichen Hafen anbieten. Im Gegensatz zu den Eltern können sie eine konfliktfreie Zone anbieten. Die Großeltern müssen aber verstehen, dass nicht mehr alles so wie früher ist. Und sie sollten nicht vergessen, dass auch ihre eigenen Kinder einen sicheren Hafen brauchen.
Info: Svenja Taubner spricht am Donnerstag, 18. September, um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400, zum Thema: "Mental gesund aufwachsen – was können Eltern und Großeltern für Kinder tun?". Der Eintritt ist frei.
Beitrag: Julia Lauer
Impressionen des Abends
Referentin

Prof. Dr. Svenja Taubner,
Direktorin des Instituts für Psychosoziale Prävention des Universitätsklinikums Heidelberg

















