Ist es schon so weit?
Die Palliativmedizin begleitet schwerstkranke Patienten bis zum Ende, doch sie tut mehr als das – Thema bei „Medizin am Abend“

„Was, Palliativmedizin, ist es schon so weit?“ Prof. Bernd Alt-Epping erlebt es immer wieder, dass Patienten erschrecken, wenn er ins Spiel kommt. Zwar ist er mit seinem Team vom Heidelberger Universitätsklinikum auch für sie da, wenn der Sterbeprozess einsetzt, aber eben nicht nur dann. Die jüngste Folge von „Medizin am Abend“, der gemeinsamen Reihe von Rhein-Neckar-Zeitung und Universitätsklinikum, nutzte der Arzt vor allem dazu, diesen Punkt deutlich zu machen.
Gut verständlich legte er den knapp 200 Interessierten im Hörsaal der Kopfklinik die Bandbreite seines Tätigkeitsbereichs dar. Eine seiner Botschaften: „Falls Ihr Arzt jemals von einer ,palliativen Erkrankung’ sprechen sollte, fragen Sie nach, was er damit meint!“ Denn viele Krankheiten, die nicht heilbar sind, ließen sich über weite Strecken hinweg gut zurückdrängen und kontrollieren, sodass man mitunter noch sehr lange mit ihnen leben könne.
Und sogar Patienten mit Krankheiten, die heilbar sind, könnten von den Angeboten der Palliativmedizin profitieren, zeigte sich Alt-Epping überzeugt. Als Beispiel nannte er eine junge Frau mit Brustkrebs, der lokal begrenzt und hormonrezeptor-positiv ist. Auch Patienten wie sie hätten oftmals das Lebensende vor Augen, obwohl gute Chancen auf eine Heilung bestehen. Auch hier könne sein Fachbereich unterstützen, sagte Alt-Epping. „Bei der Palliativmedizin geht es nicht so sehr um prognostische Schubladen, es geht um den Bedarf.“ Oder, anders gesagt: Entscheidend dafür, die Palliativmedizin hinzuzuziehen, ist, dass die Patienten Unterstützung wünschen – und nicht, dass das Ende unmittelbar bevorsteht.
„Wir alle sind auf einer Reise, die mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet“: Diesen Aspekt hatte Prof. Hanns-Peter Knaebel, der Vorstandsvorsitzende des Uniklinikums, in seiner Begrüßung hervorgehoben. Knaebel, von Haus aus Chirurg, hatte die Leitung des neuen Klinikverbunds zum 1. Januar übernommen und nutzte die Gelegenheit, sich einem größeren Laienpublikum vorzustellen. In jeder Phase des Lebens könnten relevante Therapieentscheidungen zu treffen sein, gab Knaebel zu bedenken.
Aber wie soll man bei Menschen, deren Bewusstsein beispielsweise aufgrund einer Demenzerkrankung getrübt ist, überhaupt zu einer Therapieentscheidung kommen? Was meinen Patienten, wenn sie ,lebensverlängernde’ Maßnahmen für sich ablehnen – denken sie an den Einsatz eines Defibrillators, der nach einem Herzstillstand zur Wiederbelebung eingesetzt wird, oder denken sie auch an die Flüssigkeitsgabe, wenn eine Demenz den Durst vergessen lässt?
Die Planung medizinischer Krisen, Symptomlinderung, Unterstützung bei existenziellen und ethischen Fragen: All das gehört nach Alt-Eppings Worten zum Spektrum der Palliativmedizin. Wichtig sei, sie möglichst früh hinzuzuziehen – und zwar umso frühzeitiger, desto schwerer die Diagnose ist. Für viele Erkrankungen hätten Studien positive Effekte gezeigt, etwa eine bessere Lebensqualität, weniger depressive Symptome, weniger Krisen, weniger Krankenhausaufenthalte und, damit verbunden, geringere Kosten. „Frühzeitigkeit ist hier das Stichwort“, gab Alt-Epping dem Publikum mit auf den Weg.
Anlaufstellen
Wer hilft im Bedarfsfall? Darüber informierten Laura Unsöld und Ruth Rost vom Palliativ- und Hospiznetzwerk Heidelberg. Eine Auswahl:
> In einer Sprechstunde am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen finden Patienten der Tagesklinik Rat.
> Bei ambulanten Hospizdiensten greifen geschulte Ehrenamtliche im häuslichen Kontext unter die Arme. Beim Kinderhospizdienst kann das auch bedeuten, ein gesundes Geschwisterkind zum Schwimmunterricht zu begleiten.
> Die Tageshospize in Wiesloch und Ilvesheim richten sich an schwerstkranke Menschen, sie können je nach Bedarf einen oder mehrere Tage in der Woche dorthin kommen.
> Die vollständige Übersicht im Internet: https://kurzlinks.de/iszh
Info: Die nächste Folge: Über Gesichtschirurgie spricht Prof. Jürgen Hoffmann am Donnerstag, 19. Februar, um 19 Uhr in der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400.
Beitrag: Julia Lauer
Vorab-Interview
„Um das Leben abzuschließen, spielt Würde eine wichtige Rolle“
Palliativmediziner begleiten kranke Menschen bis zum Schluss – Neben richtigen Medikamenten sind auch passende Worte gefragt
Die Palliativmedizin hilft Patienten, bei denen eine Heilung nicht mehr möglich ist. In welcher Form sie Unterstützung bietet, wie sich das Ende ankündigt und was er von Sterbenden lernt, berichtet der Palliativmediziner Prof. Bernd Alt-Epping vom Heidelberger Universitätsklinikum im Interview. Alt-Epping ist auch der nächste Referent der Abendvorlesung „Medizin am Abend“.
Professor Alt-Epping, als Palliativarzt können Sie Ihren Patienten keine Heilung in Aussicht stellen. Trotzdem haben Sie sich für diesen Bereich entschieden. Warum?
Es stimmt, Palliativpatienten sind unheilbar krank. Ihnen und ihren Angehörigen kann man aber sehr unmittelbar helfen. Man erkennt schnell, ob man ein richtiges Medikament oder ein passendes Wort gewählt hat. Diese Unmittelbarkeit des Meistens-helfen-Könnens finde ich sehr wertvoll. Und im Kontakt zu den Menschen wird man auch selbst bereichert.
In welchen Fällen sind Sie als Palliativarzt oder Palliativteam gefragt?
Die allermeisten belastenden Erkrankungssituationen werden von den zuständigen Fachbereichen selbst behandelt, und die meisten Menschen versterben ohne einen Palliativarzt. Die Kompetenzen und Ressourcen der Palliativmedizin kann man bei komplexen und schlecht in Griff zu kriegenden Belastungen einbringen, wenn uns etwa Hausärzte, Fachärzte oder Pflegedienste hinzuziehen. Wir haben auch eine Sprechstunde am Universitätsklinikum, in der wir Patienten niederschwellig beraten – sei es zu körperlichen Symptomen wie Schmerzen oder Atemnot, zu psychosozialen Belastungen und Ängsten oder auch zu ethischen Themen wie der Ausgestaltung des Lebensendes, Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht.
Wie gehen Sie damit um, wenn Menschen mit Todeswünschen zu Ihnen kommen?
In der Palliativmedizin versuchen wir ja, die Erkrankung irgendwie aushaltbar zu machen. Häufig können wir durch unsere Angebote die Sorgen vor unerträglichem Leid auffangen. Wir klären auch darüber auf, wie Patienten das Lebensende autonom selbst ausgestalten können – indem sie verfügen, was therapeutisch noch geschehen soll und was nicht. In der Beratung kann es auch um Organisationen gehen, die helfen, Suizid zu begehen, aber wir treten dabei nicht als Vermittler auf und leisten keine Beihilfe zum Suizid.
Wie kommen Sie denn über diese Themen überhaupt ins Gespräch?
Ich glaube, viele Menschen mit einer lebensbedrohlichen Krankheit haben eine Furcht, dass die Erkrankung trotz aller Therapiemaßnahmen das Leben beenden könnte, sogar dann, wenn die Chance auf Heilung besteht. Was ist, wenn die Therapie nicht mehr wirkt? Wen kann ich auch nachts in Krisensituationen anrufen? Wenn man einen solchen Plan B durchspielt, ist das Gespräch zunächst oft tränenreich, aber meist stehen Erleichterung und Dankbarkeit am Ende solcher Gespräche. Man spricht ja keine Themen an, über die Patienten nie nachgedacht hätten. Und das Fortschreiten der Erkrankung unter dem Aspekt „Wer hilft mir dann?“ zu betrachten, bringt oftmals Trost.
Viele Menschen sind unheilbar krank und leben lange mit ihrer Diagnose. An welchem Punkt kommen Sie ins Spiel?
Bei chronischen Krankheiten kann der Unterstützungsbedarf an unterschiedlichen Punkten auftreten. Gelegentlich ist er bereits am Anfang der Erkrankung gegeben, wenn die Behandlung beginnt, etwa bei der Einleitung von Chemotherapien. Hier versuchen wir, frühzeitig dazu beizutragen, die Situation gut zu überstehen. Es kann lange Phasen geben, in denen Hausärzte oder die Fachärzte die Betreuung auch ohne zusätzliche palliativmedizinische Unterstützung gut leisten. Wenn sich die Erkrankungssituation zuspitzt, werden wir wieder hinzugezogen. Das ist ein wichtiger Teil von Palliativmedizin: dass wir letztverlässlich da sind bis zum Schluss.
Woran merken Sie, ob das Ende naht?
Häufig merkt man, dass die Kräfte schwinden und sich die Patienten auf sich selbst konzentrieren und nach innen kehren, sie kränker wirken und weniger zu sich nehmen. Dies kann signalisieren, dass das Ende in den nächsten Tagen oder Wochen bevorsteht. Wenn sich das Atemmuster und der Kreislauf verändern, handelt es sich oft nur noch um wenige Stunden, bis der Tod eintritt.
Nehmen die Patienten das selbst auch so wahr?
Nicht wenige Patienten sagen uns, dass sie sterben, noch ehe wir im Team das erkennen. Sie spüren, dass die allerletzte Phase begonnen hat. Die Menschen leben ja sehr unterschiedlich, und das gilt auch für ihr Sterben. Viele schließen damit einen inneren Frieden, andere sind aufgewühlt oder verzweifelt, und wieder andere leiden körperlich. Hier müssen wir im Team alles aufbieten, um diesen Prozess aushaltbar zu machen.
Forschung in der Palliativmedizin sei schwierig, heißt es. Sie sind auch Wissenschaftler. Was beschäftigt Sie?
Unsere Fragen sind vielschichtig, das liegt an der Breite des Themengebiets. Uns interessieren Aspekte der Versorgung, etwa ob ambulante Palliativteams wie unseres dazu führen, dass mehr Patienten an dem Ort versterben können, wo sie versterben wollen, also meist zuhause. Wir befassen uns mit ethischen Fragen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen. Wir untersuchen, was bestimmte Symptome wie Schmerzen lindert. Unser Ziel ist auch, die palliativmedizinische Forschungskompetenz nicht alleine stehen zu lassen, sondern in die translationale Krebsforschung einzubringen. Gerade für Heidelberg mit seiner Ausrichtung auf Krebsmedizin ist das wichtig.
Sie haben schon viele Menschen am Lebensende begleitet. Was haben Sie von Sterbenden über das Leben gelernt?
Um das Leben zum Abschluss zu bringen, spielt Würde eine wichtige Rolle. Das eigene Leben zu würdigen, in dem, was man getan hat, einen Sinn zu erkennen, kann sehr bedeutend sein. Wichtig kann auch sein, etwas geschaffen zu haben, das sich hinüberrettet in die nächste Generation – was das ist, kann ganz unterschiedlich sein. Und Beziehungen spielen eine große Rolle. Im Umfeld von geliebten Menschen zu sterben, ist vielen Menschen wichtig. Wie Menschen mit der eigenen Endlichkeit umgehen, kann sehr berührend sein. Manchmal denke ich: So wie dieser Mensch sein Leben abschließt, so möchte ich das auch mal können.
Info: Bernd Alt-Epping spricht über „Palliativmedizin – Unterstützung bei schwerer Erkrankung“ am Donnerstag, 15. Januar, um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, im Neuenheimer Feld 400.
Beitrag: Julia Lauer



















