Institut für Medizinische Psychologie
Zentrum für Psychosoziale Medizin

Informationen bei unerfülltem Kinderwunsch

Das Warten auf ein Kind

Liebe Patientin, lieber Patient, 

Sie haben sich wegen Ihres bisher unerfüllten Kinderwunsches vielleicht bereits schon in medizinische Behandlung begeben. Am Klinikum der Universität Heidelberg haben Sie die Möglichkeit, psychologisch orientierte Beratungsgespräche zum Kinderwunsch wahrzunehmen. Es fällt nicht allen Paaren leicht, ein solches Angebot in Anspruch zu nehmen und über das Thema Kinderwunsch auch außerhalb einer medizinischen Behandlung zu sprechen, da dieses manchmal auch mit unangenehmen Vorstellungen verknüpft sein kann. Wir haben Ihnen deshalb hier einige Themen zusammengestellt, mit denen sich unserer Erfahrung nach Paare mit unerfülltem Kinderwunsch beschäftigen. Auch wenn Sie zunächst an einer Klärung möglicher körperlicher Ursachen für die ungewollte Kinderlosigkeit interessiert sind: Vielleicht können Ihnen die nachfolgenden Punkte Anregungen geben, sich mit den eventuellen seelischen Begleitumständen des unerfüllten Kinderwunsches zu beschäftigen.

Möglichen Belastungen vorzubeugen, bestehende Belastungen zu mildern durch das Miteinander-ins-Gespräch-kommen ist das Hauptanliegen unserer psychologischen Beratung für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch.


Auswirkungen medizinischer Diagnostik und Behandlung

Einige von Ihnen sind bereits jahrelang bei einem niedergelassenen Frauenarzt (bzw. Andrologen/Urologen) wegen Kinderwunsches in Behandlung gewesen. Sie haben eine mehr oder weniger aufwendige diagnostische und therapeutische Phase hinter sich, die bei der Frau die hormonelle Lage und den Zustand von Gebärmutter und Eileitern betrifft, beim Mann die Beurteilung der Samenqualität sowie beim Paar verschiedene Verträglichkeitstests. Vielleicht ist bei Ihnen schon etwas gefunden worden, was möglicherweise als körperliche Ursache für die ungewollte Kinderlosigkeit in Frage kommt und was noch einmal gründlich abgeklärt und dann behandelt werden soll.

Häufig empfinden Paare es als Belastung, wenn die medizinische Diagnostik nichts erbringt, was als Erklärung für die Fruchtbarkeitsstörung dienen kann. Gerade der Zustand, daß es "nichts Greifbares" gibt, was behandelt werden könnte, das Warten auf eine noch genauere Diagnostik wird oft als schwierig empfunden. Hinzu kann die Unklarheit kommen, wie lange die diagnostischen Maßnahmen andauern können und welche medizinischen Behandlungsschritte möglicherweise "fruchtbar" sein werden. Das Abwarten-Müssen, der Umgang mit dem Ungewissen, das Nicht-Planen-Können beschäftigt viele Paare. Mit einer solchen Situation umgehen zu lernen ist sicher nicht einfach und dauert seine Zeit, kann aber durch gemeinsame Gespräche erfahrungsgemäß sehr erleichtert werden.

Bestimmte Phasen der medizinischen Behandlung gestalten sich als aufwendig, vor allem für die Frau. Der Aufwand betrifft zum einen die Zeit, die investiert werden muß, zum anderen die gefühlsmäßige Auseinandersetzung. Manchmal sieht es dann so aus, daß ein Großteil der Zeit mit den Behandlungsterminen (und der Anfahrtszeit), vor allem aber mit dem Gedanken an die medizinische Behandlung und an den Kinderwunsch gefüllt werden. Zeitweise gibt es dann kein anderes Thema mehr für das Paar bzw.die Frau als den Kinderwunsch und die Behandlung. Dies kann viel Kraft kosten: da setzt man die ganze Hoffnung in eine bestimmte medizinische Maßnahme, wird enttäuscht und geht dann zur nächsten über, da man es "nun wissen möchte" und/oder sich später keine Vorwürfe machen möchte.

Es kann sinnvoll sein, als Paar zusammen mit einer Beraterin/einem Berater die bisherige Entwicklung des Kinderwunsches und der Behandlung aus einer - auch kritischen - Distanz anzuschauen, um für sich wieder zu mehr Freiraum zu kommen.


Orientierung an den anderen

Freundinnen oder Arbeitskolleginnen werden schwanger, bei den Geschwistern stellt sich Nachwuchs ein, die Eltern/Schwiegereltern wünschen sich ein Enkelkind: Eine Situation, die ein Paar mit Kinderwunsch unter Druck setzen kann. Manchmal wird es als hilfreich empfunden, mit dem Thema Kinderwunsch unbefangen umzugehen und Freunden und Verwandten gegenüber offen zu reden.

Es gibt aber auch Paare, die sich im Laufe der Zeit immer mehr zurückziehen, die den Kontakt zu Bekannten oder Freunden, die Eltern geworden sind, meiden oder gar ganz abbrechen und auf ihren Kinderwunsch angesprochen zu einer "Notlüge" greifen: "Wir wollen jetzt noch kein Kind". Als Paar mit Kinderwunsch kann man sich zunehmend allein gelassen fühlen. Manchmal wird es als Makel empfunden, keine Kinder zu bekommen, und das Sprechen darüber wird aus Scham vermieden. Vielleicht haben Sie auch schon den Versuch gemacht, mit anderen über dieses Thema zu sprechen, sind dann aber auf Unverständnis oder Hilflosigkeit gestoßen - vielleicht ist auch einmal eine derbe Bemerkung gefallen - und Sie haben sich dann zurückgezogen.

In Beratungsgesprächen kann gemeinsam nach neuen Wegen gesucht werden, wie Sie mit dem Thema Kinderwunsch unbefangener umgehen können, ohne sich unter Druck zu setzen (oder sich von anderen unter Druck gesetzt zu fühlen).


Sexualität und Partnerschaft

Fast alle Paare klagen zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt der Behandlung wegen unerfüllten Kinderwunsches über Veränderungen ihres sexuellen Erlebens und Verhaltens. Gerade dann, wenn die medizinischen Behandlungsschritte den "Verkehr nach Termin" erforderlich machen, kann dies als massiv beeinträchtigend empfunden werden: zur Sexualität gehört ja gerade auch, miteinander spontan sein zu dürfen. So hören wir nicht selten, daß es zum fruchtbaren Zeitpunkt gerade "nicht klappt", daß die Sexualität außerhalb der fruchtbaren Tage eingeschränkt ist oder gar nicht mehr stattfindet, daß dem Paar "die Lust vergangen ist". Wenn dazu das Gefühl kommt, jede Chance einer Befruchtung nutzen zu müssen, um sich keine Vorwürfe zu machen, bleibt von einer lustvollen und spontanen Sexualität wenig übrig. Ein Ziel von Beratungsgesprächen kann es sein, über das Thema Sexualität (wieder) miteinander ins Gespräch zu kommen, um weiteren Frustrationen vorbeugen zu helfen.

Auch sonst kann die Partnerschaft im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung, vor allem wenn diese längere Zeit dauert, einigen Belastungen ausgesetzt sein. Das kann mitunter dazu führen, daß Konflikte in der Partnerschaft nicht mehr angesprochen werden, da man ja für ein "gemeinsames Ziel miteinander arbeitet", und unterschiedliche Bedürfnisse und Ansichten manchmal nicht mehr klar genug wahrgenommen werden können. Das kann die Partnerschaft betreffen, aber auch die Beziehung zu den Eltern bzw. Schwiegereltern oder Geschwistern. Da viel Kraft für die Erfüllung des Kinderwunsches eingesetzt wird, müssen eigentlich fällige Auseinandersetzungen dann vermieden oder auf die lange Bank geschoben werden.

Das Probleme dadurch nicht gelöst werden können, ist klar, viele Paare kommen aber aus eigener Kraft aus so einer verzwickten Lage nur schwer heraus. Werden mit der ungewollten Kinderlosigkeit zudem Schuldgefühle verbunden, sei es beispielsweise dadurch, daß ein Partner sich früher lange Jahre gegen ein Kind ausgesprochen hatte, oder sei es dadurch, daß bei einem Partner eine eventuelle körperliche Ursache für die bisherige Kinderlosigkeit gefunden worden ist, können Beratungsgespräche die Möglichkeit bieten, miteinander neue Umgangsformen zu finden und Spannungen zu lösen. Auch Veränderungswünsche in bezug auf die eigene berufliche Situation können losgelöst vom Kinderwunsch betrachtet werden. Letztlich geht es auch um die Frage, wie das Leben ohne ein eigenes Kind aussehen könnte.

Vielleicht fühlen Sie sich in dem einen oder anderen hier angeführten Punkt angesprochen und finden einen Teil Ihrer persönlichen Situation wieder. Diese Anregungen sollen Ihnen helfen, über den unerfüllten Kinderwunsch und die damit einhergehenden Themen neu ins Gespräch zu kommen.


Für Terminabsprachen zu psychologischen Beratungsgesprächen

Für Terminabsprachen zu psychologischen Beratungsgesprächen wenden Sie sich bitte an:

Initiates file downloadPD Dr. Tewes Wischmann, Dipl.-Psych.
Institut für Medizinische Psychologie des Zentrums für Psychosoziale Medizin
Universitätsklinikum Heidelberg
Bergheimer Straße 20
69115 Heidelberg
Tel.: 06221 56-8137 (zeitweise Anrufbeantworter).

Hier Infoflyer zum Ausdrucken, hier Literaturliste zum Ausdrucken.
 

Zur Kinderwunsch-Sprechstunde an der Universitätsfrauenklinik Heidelberg geht es hier (Telefon: 06221-567921). Im Sinne eines optimierten ganzheitlichen Behandlungsangebotes finden regelmäßig Opens external link in new windowgemeinsame Fallkonferenzen der beiden beteiligten Abteilungen statt.


Weiterführende Informationen und Links

 

Herausgeber: Projekt "Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde" (von 1994 bis 2000 gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung; FKZ: 01 KY 9606 und 01 KY 9606 ) in Zusammenarbeit mit der Abt. Gynäkologische Endokrinologie und Fertilitätsstörungen der Universitätsfrauenklinik Heidelberg. Copyright © Dr. T. Wischmann 1996-2016

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