Pharmakogenetik und Pharmakoepidemiologie
Ein zentraler Forschungsschwerpunkt der Klinischen Pharmakologie liegt in der Pharmakogenomik und Pharmakogenetik sowie in der pharmakoepidemiologischen Analyse individueller Therapieverläufe. Ziel ist es, die unterschiedlichen Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln systematisch zu verstehen und daraus personalisierte Therapie‑ und Dosierungsstrategien abzuleiten. Pharmakogenetische Einflüsse auf den Arzneimittelstoffwechsel werden integriert in ein Gesamtbild patientenspezifischer Faktoren untersucht. Dazu zählen Begleitmedikation, Multimorbidität, Alter und krankheitsbedingte Veränderungen. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Konzept der Phenokonversion, bei dem genetisch erwartete Patientenprofile durch Arzneimittelinteraktionen oder andere Einflüsse funktionell überlagert werden. Diese realitätsnahe Betrachtung ist entscheidend, um Arzneimittelwirkung und ‑sicherheit im klinischen Alltag zuverlässig vorherzusagen.
Ergänzend zur datenbasierten Forschung werden in experimentellen in‑vitro‑Modellen die funktionellen Konsequenzen genetischer Varianten auf den Arzneistoffmetabolismus untersucht. Im Mittelpunkt stehen dabei Cytochrom‑P450‑Enzyme, die für die Biotransformation vieler Arzneimittel verantwortlich sind. Diese mechanistischen Arbeiten erlauben es, genetische Effekte auf Enzymaktivität, Substratspezifität und Wechselwirkungen präzise zu charakterisieren und auch dort evidenzbasierte Aussagen zu treffen, wo klinische Daten begrenzt sind.
Die Ergebnisse unserer Forschungsprojekte fließen direkt in die Patientenversorgung ein. In unserer klinisch‑pharmakologischen Hochschulambulanz werden pharmakogenetische Befunde in die individuelle Therapieberatung integriert – mit dem Ziel, Arzneimittel passgenau auszuwählen, Dosierungen zu optimieren und Nebenwirkungen frühzeitig zu vermeiden. Damit verbindet der Schwerpunkt Pharmakogenomik grundlegende Forschung, Real‑World‑Datenanalyse und patientennahe Anwendung zu einem integrativen Ansatz der personalisierten Arzneimitteltherapie.
Wir sind zu diesen Themen an zahlreichen Europäischen und nationalen Verbundforschungsprojekten beteiligt. Bei Interesse an Mitwirkung in unserer Forschung oder Informationen zur Pharmakogenetik in der Versorgung sprechen Sie uns gerne an oder schreiben uns!
DFG Forschergruppe CRU 5011 Teilprojekt P9: Polypharmazie und Nephrotoxizität
Das Projekt untersucht arzneimittelinduzierte Nephrotoxizität unter Real‑World‑Bedingungen, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit Polypharmazie. Im Fokus steht die Frage, wie pharmakogenetische Vulnerabilitäten, Arzneimittel‑Arzneimittel‑Interaktionen und individuelle Medikationsmuster zusammenwirken und das Risiko einer Nierenschädigung erhöhen. Auf Basis pharmakoepidemiologischer Kohorten und klinischer Routinedaten werden datenbasierte Modelle entwickelt, um nephrotoxische Therapiekonstellationen frühzeitig zu erkennen. Ziel ist es, diese Konstellationen der Arzneimitteltoxizität zusammen mit pharmakogenetischen Informationen in die Beurteilung komplexer Arzneimitteltherapien zu integrieren und so die Sicherheit individualisierter Arzneimitteltherapie in der klinischen Versorgung zu verbessern.
Mitarbeitende:
DFG-Einzelantrag: Sti621: Modellbasierte Vorhersage pharmakogenetischer Dosisanpassungen
Ziel des Projekts ist die Weiterentwicklung der personalisierten Arzneimitteltherapie, indem pharmakogenetische Effekte und Arzneimittelinteraktionen systematisch gemeinsam berücksichtigt werden. Im Fokus steht die Frage, wie sich genetische Varianten in zwei gleichzeitig beteiligten Arzneimittel‑metabolisierenden Enzymen sowie inhibitorische Begleitmedikation auf den Arzneimittelstoffwechsel und die erforderliche Dosis auswirken.
Das Projekt entwickelt quantitative, phänotypbasierte Modelle, die pharmakogenetische Polymorphismen und sogenannte Phenokonversion – also die funktionelle Überlagerung genetischer Effekte durch Arzneimittelinteraktionen – in einem gemeinsamen Vorhersagerahmen abbilden. Der methodische Ansatz verbindet systematisch ausgewertete klinische Pharmakokinetik‑Daten, Real‑World‑Therapeutisches Drug Monitoring (TDM) sowie gezielte in‑vitro‑Untersuchungen zu Cytochrom‑P450‑Enzymen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf klinisch relevanten Wirkstoffen, bei denen mehrere Stoffwechselwege gleichzeitig zur Biotransformation beitragen. Durch die Kombination von experimentellen Daten und Modellierung soll es erstmals möglich werden, Dosisanpassungen auch für komplexe Therapiesituationen mit Polypharmazie quantitativ vorherzusagen.
Das Projekt schließt damit eine zentrale Lücke zwischen pharmakogenetischen Leitlinien und der klinischen Realität. Es liefert eine wissenschaftlich fundierte Grundlage, um personalisierte Dosierungsempfehlungen auch unter Alltagsbedingungen sicherer anzuwenden und perspektivisch in klinische Entscheidungsunterstützungssysteme zu integrieren.
Mitarbeitende:
Innovationsfond-Projekt ALERT: Analyse von unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Medikationsfehlern bei Erwachsenen und Erstellung von Key Facts
In dem Projektteil, der in Heidelberg durchgeführt wird, wird die von Frau Prof. Stingl geleitete Deutschlandweite Studie zu Krankenhausnotfalleinweisungen (ADRED) aufgrund von Unerwünschten Arzneimittelwirkungen für die Auswertungen zu Medikationsfehlern und Patientenrisikokonstellationen in das vom BfArM koordinierte Forschungsprojekt des Innovationsfond eingebracht Analysiert werden systematisch erhobene Fälle unerwünschter Arzneimittelwirkungen und Medikationsfehler bei erwachsenen Patientinnen und Patienten, die sich notfallmäßig im Krankenhaus vorgestellt haben.
Im Fokus stehen Polypharmazie, höheres Lebensalter und schwerwiegende UAW mit Hospitalisierung. Die Auswertungen liefern eine klinisch fundierte Referenz für andere Real‑World‑Datenquellen und tragen dazu bei, Risikokonstellationen der Arzneimitteltherapie im Versorgungsalltag zu identifizieren und Maßnahmen zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit abzuleiten.
Mitarbeitende:
EU-Projekt SafePolyMed: Improving Safety in Polymedication by Managing Drug-Drug-Gene Interactions
In dem Projektteil, der in Heidelberg durchgeführt wird, werden patientenberichtete Sicherheits‑Outcome‑Maße (Safety‑PROMs) entwickelt und validiert. Diese bilden die Grundlage für eine standardisierte Erfassung von arzneimittelbezogenen Sicherheitsaspekten aus Patientensicht. Außerdem ist unser Team in Heidelberg als klinischer Studienpartner maßgeblich an der Durchführung der EmPaSafe‑Studie, einer multinationalen Proof‑of‑Principle‑Studie, beteiligt. In dieser klinischen Fallstudie wird der Einsatz von Safety‑PROMs, Risikoscores und digitaler Unterstützungstools – bei polymedizierten Patientinnen und Patienten unter Real‑World‑Bedingungen evaluiert. Das von der Europäischen Kommission geförderte Projekt SafePolyMed leistet einen wesentlichen Beitrag zur Translation patientenzentrierter Arzneimittelsicherheitskonzepte in die Versorgungspraxis.
Beteiligt:
Auszeichnungen / Publikationen / Sonstiges
Auszeichnungen
Auszeichnungen Professor Stingl
2010 AMERICAN SOCIETY FOR CLINICAL PHARMACOLOGY AND THERAPEUTICS (ASCPT) “Leon I. Goldberg Young Investigator Award”
2009 Visiting Professor at the Office of Clinical Pharmacology, FDA Center for Drug Evaluation and Research, Washington DC, US (Award for three months visit)
2009 UTRECHT UNIVERSITY “Award for Excellence in Pharmaceutical Research”
2003 AMERICAN SOCIETY FOR CLINICAL PHARMACOLOGY AND THERAPEUTIC WASHINGTON “Presidential Trainee Award”
Publikationen
Publikationen Prof. Stingl siehe https://www.ncbi.nlm.nih.gov/myncbi/1d7OoRICPs-Ea7/bibliography/public/
Sonstiges
Tätigkeit in Gremien und Konsortien Prof. Stingl
Seit 2023 Berufung durch das BMBF als Vertreterin Deutschlands in der Arbeitsgruppe Pharmakogenetik im Rahmen des 1+Million Genomes Projektes der Europäischen Kommission
2021-2024 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat zur Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs beim Bundesamt für Soziale Sicherung
Seit 2021 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der TANDEM-Mentoring Programme in der Medizin
SEIT 2021 Gewähltes Mitglied im Executive Committee der Europäischen Fachgesellschaft für Klinische Pharmakologie, Schatzmeister der EACPT (EACPT)
2019 -2022 Berufenes Mitglied der Gendiagnostik-Kommission (GEKO)
SEIT 2019 Mitglied der Arbeitsgruppe Wissen generieren durch Vernetzung von Forschung und Versorgung, Nationale Dekade gegen Krebs, BMBF
2016-2020 Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Mitglied der Begutachtungsgruppe Klinische Studien
2019 -2023 Mitglied des Kuratoriums des Fraunhofer Institut Hannover/Braunschweig
SEIT 2019 Mitglied des Kuratoriums der TH Köln
SEIT 2012 European Medicines Agency (EMA), Mitglied der Pharmacogenomics Working Party (PGWP)
SEIT 2004 Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Berlin, Außerordentliches Mitglied

