Neurochirurgie

Arbeitsgruppe Funktionelle Neuroonkologie

Für Patientinnen & Patienten:

Therapieentscheidungen auf Basis individueller Hirnfunktion

Die Arbeitsgruppe Funktionelle Neuroonkologie steht für einen funktionell orientierten, evidenzbasierten Ansatz in der Behandlung von Hirntumoren. Unser Konzept basiert auf der systematischen Integration präoperativer Funktionskartierung, fortgeschrittener funktioneller Bildgebung, intraoperativem Neuromonitoring, strukturierter neuropsychologischer Diagnostik und therapeutischer Neuromodulation.

Im Mittelpunkt steht die präzise Erfassung individueller Hirnfunktion als Grundlage neuroonkologischer Therapieentscheidungen. Ziel ist es, onkologische Sicherheit mit maximalem funktionellem Erhalt und bestmöglicher Lebensqualität zu vereinen.
Therapieentscheidungen orientieren sich dabei nicht primär an anatomischen Grenzen, sondern an der funktionellen Organisation kortikaler und subkortikaler Netzwerke auf individueller Patientenebene.

Im Sinne des obersten Zieles einer größtmöglichen Entfernung des pathologischen Befundes bei gleichzeitiger Schonung der funktionellen Integrität des Patienten, wenden wir vor, während und nach der Operation modernste Techniken an und entwickeln diese weiter. 

Diagnostik und Ablauf

Bei Operationen in funktionell wichtigen Bereichen des Gehirns wird vor der Operation standardmäßig eine nicht-invasive Kartierung der betroffenen Areale mittels navigierter transkranieller Magnetstimulation (nTMS) durchgeführt. In Kombination mit der diffusions-gewichteten MRT-Bildgebung visualisieren wir basierend auf dieser Kartierung die Bahnen im Bereich der weißen Substanz welche Informationen für z.B. Bewegungen und die Sprache weiterleiten, um gerade diese während der Operation zu schonen (nTMS-basiertes diffusion tensor imaging fiber tracking). 

Die erhobenen Daten inklusive strukturierter neuropsychologischer Testverfahren ermöglichen eine differenzierte funktionelle Risikoabschätzung und fließen unmittelbar in die interdisziplinäre OP-Planung und ihre Beratung ein. Dies ermöglicht es uns, Ihnen kritische Punkte bei der Tumorentfernung detailliert zu erklären und den OP-Ablauf dreidimensional zu schildern

Präoperative Risikoabschätzung,OP-Planung und intraoperative Überwachung

Durch die integrative Analyse funktioneller und bildgebender Daten lassen sich potenziell gefährdete Funktionen frühzeitig identifizieren. Dies ermöglicht eine personalisierte Operationsstrategie mit dem Ziel, eloquente kortikale und subkortikale Strukturen bestmöglich zu schützen und postoperative funktionelle Defizite zu verhindern.

All diese Daten sind aufgrund der von uns angewendeten Neuronavigationstechnik in Kombination während des operativen Eingriffes verfügbar. Zudem erfolgt während der Operation zur Überwachung und Kartierung der Funktionen ein intraoperatives Neuromonitoring (IONM), zum Beispiel durch Ableitung der Bewegungs-Funktion. Im Falle einer Operation in Regionen die für die Sprachfunktion des Patienten zuständig sind, führen wir diese zeitweise im Wach-Zustand des Patienten (Wach-Kraniotomie) durch, um diese spezielle Funktion noch detaillierter kartieren und schonen zu können und um ein größtmögliches Resektionsausmaß gewährleisten zu können. Gerade hier wird der Patient vor, während und nach der Operation intensiv durch unsere Arbeitsgruppe neuropsychologisch betreut.

Neuropsychologische Testung und Lebensqualität

Standartmäßig schließt unsere präoperative Diagnostik und Verlaufskontrolle nicht nur die Bewegungs- und Sprach-Funktion ein, sondern integriert mittlerweile auch die kognitive Leistungsfähigkeit sowie Flexibilität und gesundheitsbezogene Lebensqualität, welche mithilfe standardisierter neuropsychologischer Verfahren erfasst werden. Veränderungen lassen sich objektiv quantifizieren und im zeitlichen Verlauf nachvollziehen. Diese Informationen ergänzen klinische und bildgebende Befunde und tragen wesentlich zu einer patientenzentrierten Therapieentscheidung bei.

Neuromodulation

Die navigierte transkranielle Magnetstimulation wird neben der diagnostischen Anwendung auch therapeutisch eingesetzt. Schwerpunkte sind die Behandlung chronischer und neuropathischer Schmerzen, die Unterstützung der funktionellen Erholung bei tumorbedingten Lähmungen sowie prähabilitative Maßnahmen zur funktionellen Vorbereitung vor geplanten neurochirurgischen Eingriffen.

Zur Behandlung postoperativer motorischer Defizite kommt die gezielte Modulation der transkallosalen Dis-Inhibition zum Einsatz. Nach Läsionen des motorischen Systems kann eine pathologisch verstärkte Hemmung durch die nicht-lädierte Gehirnhälfte die funktionelle Erholung limitieren. Durch repetitive navigierte transkranielle Magnetstimulation der nicht betroffenen Gehirnhälfte wird diese überschießende Hemmung reduziert und die kortikale Reorganisation in Kombination mit physiotherapeutischer Rehabilitation unterstützt. Die Wirksamkeit dieses Ansatzes wurde erstmalig in Gehirntumorpatienten in einer randomisierten, kontrollierten Studie unserer Arbeitsgruppe (Ille et al., Brain Stimul, 2021)prospektiv belegt und in einer internationalen multizentrischen Untersuchung (Rosenstock et al., J Neurooncol 2025). Die daraus resultierende CE-Kennzeichnung und MDR-Zulassung ermöglichen die standardisierte Implementierung in die perioperative neurochirurgische Versorgung an unserem Zentrum.

Studienteilnahme

In Rücksprache mit unseren Patienten und deren Einwilligung tragen wir ebenso unseren Teil zur wissenschaftlichen Forschung und der Vertiefung unseres Wissens über Hirnfunktionen im Generellen, Techniken zur Neuronavigation und neuronale Netzwerke im Speziellen bei.

Patientinnen und Patienten können im Rahmen laufender klinischer und translationaler Studien betreut werden. Die Kontaktaufnahme erfolgt über das ärztliche Team der Neurochirurgie und unsere Studienzentrale

Für Fachpersonal:

Expertise

Präoperative nTMS Kartierung

Die navigierte transkranielle Magnetstimulation ermöglicht eine nicht invasive, patientenspezifische Kartierung funktionell relevanter Hirnareale. Erfasst werden motorische Funktionen, Feinmotorik, Sprache sowie höhere kognitive Leistungen wie Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen und visuell räumliche Verarbeitung. Dank eines breiten Repertoires an Kartierungsparadigmen kann die funktionelle Kartierung auch bei Patientinnen und Patienten mit eingeschränktem funktionellem Status oder vorbestehenden neurologischen Defiziten durchgeführt werden.

Advanced Imaging

Unsere bildgebenden Analyseverfahren fokussieren auf funktionelle Gehirnnetzwerke.
Die funktionsbasierte Traktographie ermöglicht die Visualisierung eloquenter subkortikaler Bahnsysteme in direkter Beziehung zum Tumor. Connectome Analysen erlauben eine netzwerkbasierte Betrachtung kortikaler und subkortikaler Funktionssysteme. Die quantitative Tumorvolumetrie unterstützt präoperative Planung, Therapieevaluation und longitudinale Verlaufskontrolle.

 

Neuropsychologische Diagnostik

Die neuropsychologische Diagnostik ist integraler Bestandteil unseres klinischen und wissenschaftlichen Konzepts. Standardisierte Testbatterien erfassen domänenspezifische kognitive Leistungen in zentralen Funktionsbereichen. Ergänzend erfolgen differenzierte Sprachdiagnostik sowie die strukturierte Erhebung patientenberichteter Outcomes. Diese Daten bilden eine wesentliche Grundlage für funktionelle Risikoabschätzung, Therapieevaluation und wissenschaftliche Analysen.

Multimodale Tumorresektion und Einsatz von intraoperativen Neuromonitoring, Wachkraniotomien und Neuronavigation

Bei Tumoren in hocheloquenten Hirnarealen setzen wir die Wachkraniotomie als zentrales Verfahren zum maximalen Funktionserhalt ein. Die Grundlage hierzu bildet eine präoperative, patientenspezifische Funktionskartierung mittels navigierter transkranieller Magnetstimulation zur Erfassung von Sprache, Feinmotorik und höheren kognitiven Funktionen und hieraus resultierender patientenspezifischer Operationsplanung.

Die präoperativ gewonnenen nTMS-Daten werden in die intraoperative Neuronavigation integriert und dienen als funktionelle Referenz während der Resektion. Am wachen Patienten erfolgt eine kontinuierliche klinische Testung, ergänzt durch direkte kortikale und subkortikale Stimulation sowie ein kontinuierliches intraoperatives Neuromonitoring.

Funktionelle Informationen werden mit multimodalen bildgebenden und optischen Verfahren kombiniert. 5-ALA-Fluoreszenz unterstützt die intraoperative Abgrenzung tumorösen Gewebes. Ergänzende Verfahren wie intraoperative Spektroskopie ermöglichen eine zusätzliche Gewebecharakterisierung noch während der operativen. Das intraoperative MRT erlaubt eine unmittelbare bildgebende Kontrolle des Resektionsausmaßes und berücksichtigt lagebedingten Brain-Shift während des Eingriffs.

Ziel ist eine maximale sichere Tumorentfernung bei gleichzeitiger Schonung zentraler motorischer, sprachlicher und kognitiver Netzwerke sowie ein nachhaltiger Erhalt der Lebensqualität.

Neuromodulation mittels nTMS

Schmerztherapie
Therapeutische nTMS zur Behandlung chronischer und neuropathischer Schmerzen durch gezielte Modulation zentraler neuronaler Netzwerke.

Rehabilitation
Repetitive nTMS kommt hierbei zur Unterstützung der funktionellen Erholung bei tumorbedingten Paresen im Sinne einer gezielten Modulation der interhemisphärischen Balance durch Reduktion transkallosaler Inhibition zum Einsatz. Die klinische Effektivität wurde in Gliompatienten erstmals in der randomisierten, doppelblind kontrollierten Studie unserer Arbeitsgruppe (Ille et al., Brain Stimul, 2021) und anschließend in einer internationalen Multicenter-Studie nachgewiesen (Rosenstock et al., J Neurooncol 2025). Die neuromodulatorische Reduktion transkallosaler Inhibition ergänzt präoperative Funktionskartierung und intraoperatives Neuromonitoring im Sinne eines integrativen Konzepts perioperativer Neurophysiologie. Ziel ist die evidenzbasierte Maximierung funktioneller Sicherheit bei gleichzeitiger Wahrung onkologischer Radikalität. Aktuelle Forschungsansätze unserer Arbeitsgruppe umfassen die Erweiterung der Indikation zur Neuromodulation auf unterschiedliche Tumorerkrankungen des Gehirns, bereits präoperativ bestehende Defizite sowie die Quantifizierung des neuromodulatorischen Effekts.

Prähabilitation
Funktionelle Vorbereitung mit dem Einsatz von Neuromodulation vor neurochirurgischen Eingriffen mit dem Ziel, funktionelle Reserven zu stärken und postoperative Defizite zu reduzieren. Hierzu gehören auch individuelle Therapiekonzepte, in welchen durch die Induktion kortikaler Plastizität eine funktionserhaltende Resektion von Tumorresten in eloquenten Gehirnarealen erzielt werden soll.

Forschung und Publikationen

Die Arbeitsgruppe ist aktiv in klinische und translationale Forschungsprojekte eingebunden. Forschungsschwerpunkte liegen in der funktionellen Risikoabschätzung, netzwerkbasierter Neuroonkologie, kognitiven Outcomes, Lebensqualität sowie innovativen Anwendungen der nTMS.

Eine Übersicht der Publikationen finden Sie hier: PubMed


Studierende und Promotionsvorhaben

Wir bieten klar definierte Projektarbeiten von klinisch orientierten bis zu translationalen Fragestellungen.

Die Nachwuchsförderung erfolgt durch enge wissenschaftliche Betreuung, regelmäßige inhaltliche Abstimmungen und klar strukturierte Meilensteine im Rahmen unseres Lehrkonzepts Teaching Excellence.

Kooperationen und Netzwerk

Die Arbeitsgruppe arbeitet national und international mit Partnern aus Neurochirurgie, Neurologie, Neuropsychologie, Radiologie und Strahlentherapie zusammen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem internationalen wissenschaftlichen Austausch innerhalb der funktionellen Neuroonkologie und der Gliomforschung.

Im Jahr 2024 wurde das European Low Grade Glioma Network Meeting in Heidelberg ausgerichtet.

Zu unseren nationalen und internationalen Kooperationspartnern gehören unter anderem:

  • Nationales Centrum für Tumorerkrankungen, Heidelberg

  • Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg

  • Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, München

  • Charité Berlin, Berlin

  • Gui de Chauliac Hospital, Institute for Neurosciences of Montpellier, Montpellier

  • University of Messina, Messina

  • Amsterdam University Medical Center, Amsterdam

  • Donders Institute for Brain, Cognition and Behaviour, Radboud-Universität Nijmegen, Nijmegen

  • Erasmus University Medical Center, Rotterdam

  • Elisabeth-Tweesteden Hospital Tilburg, Tilburg

  • Inselspital Universitätsspital Bern, Bern

  • King's College Hospital NHS Foundation Trust, London

  • University of Oxford, Oxford

  • University of California San Francisco, San Francisco

  • UT MD Anderson Cancer Center, Houston

  • Boston Children's Hospital, Harvard Medical School, Boston

  • Northwestern Memorial Hospital, Chicago

Kontakt

Anfragen zu Forschungskooperationen sowie Promotionsmöglichkeiten richten Sie bitte an:

sebastian.ille@med.uni-heidelberg.de

maximilian.schwendner@med.uni-heidelberg.de

Team

PD Dr. med. Sebastian Ille

Leiter der Arbeitsgruppe

 

Dr. med. Maximilian Schwendner 

Stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe

 

Ärztliche Mitarbeiter

Dr. med. univ. Lukas Rangger

Dr. med. Obada Alhalabi

Dr. med. Amin Nohman

Dr. med. univ. Melina Wirtz

Dr. med. Janis Linke

 

Neuropsychologie

Dr. Leonie Kram, PhD

Dipl.-Psych. Dr. Lidia Vogt

 

Neurolinguistik und Neurowissenschaft

Dr. Leonie Kram, PhD

Ann-Katrin Ohlerth, PhD

 

Wissenschaftliche Mitarbeiter

Cand. med. Johanna Lackner

Cand. med. Julius von Braunschweig

Cand. med. Lucrezia Staffoni

Cand. med. Magnus Jansen

Cand. med. Sarah Reinecker

Cand. med. Semhar Mengstab

Cand. med. Tim Schneegans