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Geschichte der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Heidelberg

1873

Heidelberg erhält eine vom Staat unterhaltene Ohren-Poliklinik, die von Samuel Moos (1873-1895) geleitet wurde. Die Rhino-Laryngologie wurde zunächst im Rahmen der Inneren Medizin auf Initiative von Nikolaus Friedreich und einigen seiner Assistenten gelehrt und ausgeübt. Unter letzteren verlagerte vor allem der Internist Anton Juracz mehr und mehr seine Arbeit auf das Gebiet der Rhino-Laryngologie.

1875

In Heidelberg wird ein Ambulatorium für Rachen- und Kehlkopfkranke eröffnet und 1880 Anton Juracz zum Leiter dieses Ambulatoriums mit Lehrauftrag für Rhino-Laryngologie ernannt. Die wissenschaftliche und publizierende Tätigkeit von A. Juracz umfasste das ganze damalige Fachgebiet Rhino-Laryngologie und erstreckte sich vorwiegend auf klinische Themen, wie z. B.  die Innervationsstörungen des Larynx. Auch ein Handbuch-Artikel über die Neoplasmen im Kehlkopf stammt aus seiner Feder. 

1898

Auf das Extraordinariat für Ohrenheilkunde wird der Otologe Karl-Adolf-Passow berufen. Der Ohrenklinik stehen zu Passows Zeiten 14 Betten zur Verfügung. Unter Passow wird der Bau einer Ohrenklinik geplant und begonnen, allerdings erst 1902 vollendet. Dieser Klinikbau ist – mit entsprechenden zeitbedingten Veränderungen – bis 1987 in Benutzung. 1902 folgt Passow einem Ruf an die Charité in Berlin. Sein Mitarbeiter J. Hegener habilitiert sich 1901 in Heidelberg, ist dann bis 1911 Mitarbeiter von Kümmel und wird später Chefarzt der HNO-Abteilung am St. Georg-Krankenhaus in Hamburg.

1902

Auf A. Passow folgt der Otologe Werner Kümmel von der Ohrenklinik in Breslau auf das Extraordinariat in Heidelberg. Unter W. Kümmel in Heidelberg habilitierte Schüler: Karl Beck (später Ordinarius und Nachfolger Kümmels in Heidelberg); Hermann Marx (später Ordinarius in Münster und dann in Würzburg); Erich Wirth. 1902 kann er den von A. Passow begonnenen Klinik-Neubau mit 66 Betten eröffnen und übernehmen.

 

 

1908

Nach dem Weggang von Juracz wird die Otologische Klinik und die Rhino-Laryngologische Klinik zu einer einheitlichen HNO-Klinik unter Leitung von W. Kümmel zusammengefasst. In dieser neuen Klinik richtet er ein anatomisch-pathologisches und ein bakteriologisches Laboratorium ein. Ein anderes praktisches Interessengebiet Kümmels war die medizinische und organisatorische Beschäftigung mit dem Gehörlosenwesen in Baden, das ihm viel verdankt. Werner Kümmel ist ein kritischer und unbestechlich denkender Wissenschaftler, der eher schweigt, als Unausgegorenes zu sagen. Dementsprechend ist er zurückhaltend mit der Veröffentlichung eigener Arbeiten.

Mit Werner Kümmel stirbt 1930 ein besonders angesehener, die Entwicklung der HNO-Heilkunde in Deutschland zu seiner Zeit besonders nachhaltig beeinflussender Gelehrter und Arzt.

1931

Karl Beck folgt seinem Lehrer Kümmel als Klinikchef nach. Karl Beck verbessert die Heidelberger Klinik in ihrer Einrichtung wesentlich: Es entstehen u. a. eine Röntgenabteilung, eine Bibliothek, eine Isolierstation und ein neuer Hörsaal – für die damalige Zeit eine hochmoderne Klinik. Auf ihn geht auch die Einrichtung einer phoniatrischen Abteilung zurück. Das wissenschaftliche Oeuvre K. Becks befasst sich vorwiegend mit praktisch-medizinischen Themen, wobei Untersuchungen über Innenohrstörungen (Lärm- und Giftschädigungen) besonders Gewicht haben. Ein weiteres Arbeitsfeld ist die transseptale Hypophysenoperation. Die nach Kümmel und ihm benannte Stirnhöhlen-Punktion von außen hat im Laufe der Zeit unterschiedliche Akzeptanz erfahren, gerade in jüngerer Zeit aber wieder weitergehende Verbreitung gefunden. Ein weiteres Interessengebiet Becks ist das Gehörlosenwesen. Karl Becks besonderes Anliegen ist der Kontakt zu den niedergelassenen Fachärzten des badischen Raumes, die er zu regelmäßigen Fortbildungsveranstaltungen einlädt und zu denen er einen sprichwörtlichen guten Kontakt hält. 

Der in Bonndorf im Schwarzwald geborene Karl Beck erhielt seine Ausbildung zunächst am German Hospital in London, dann bei Paul Ehrlich in Frankfurt und bei dem Pathologen Paul Ernst in Heidelberg; die eigentliche Fachausbildung erhielt er bei W. Kümmel, ebenfalls in Heidelberg. Dazu kamen Gastaufenthalte bei H. Gutzmann sen. In Berlin, wo Beck seine Kenntnisse in der Phoniatrie abrundete.

1942

Nach dem frühen Tod Karl Becks erhält Alfred Seiffert, zu dieser Zeit Ordinarius in Kiel,1942 den Ruf nach Heidelberg. Die Heidelberger HNO-Klinik wird unter ihm zu einem Zentrum der operativen HNO-Heilkunde und genießt großes Ansehen im In- und Ausland. 

A. Seiffert ist ein sehr stiller, bisweilen wortkarger, zugleich aber sehr vielseitig interessierter Mann. Er entwickelt verschiedene neue Operationsverfahren (z.B. für Akusticustumoren, die perimaxilläre Eröffnung der Orbita, Verbesserungen der Stirnhöhlenoperation; plastisch-rekonstruktive Verfahren in der Rhinochirurgie, Techniken bei der Laryngektomie u. a.) und neue diagnostische und therapeutische Prinzipien wie die Stützautoskopie, die Elktrokoagulation von Tumoren oder auch die transorale Schwellendurchtrennung bei Hypopharynx-Divertikel. Dementsprechend befassen sich seine Publikationen vorwiegend mit operationstechnischen und praktisch-klinischen Themen. Aus seiner Feder stammen wichtige Handbuch-Beiträge und ein mit H. Bayer gemeinsam herausgegebener „Operationskurs des HNO-Arztes“. Er ist viele Jahre auch geschäftsführender Herausgeber des „Archiv für HNO-Heilkunde vereint mit der Zeitschrift für HNO-Heilkunde“.

Alfred Seiffert wurde in Tharnau in Schlesien geboren. Seine Ausbildung begann er bei dem Chirurgen Titze in Breslau. Von dort wechselte er zu dem Otologen Brieger, Chefarzt in Breslau. In Breslau erwarb er auch die Approbation für die Zahnheilkunde. Seine eigentliche Fachtätigkeit setzte er dann in Berlin bei Gustav Kilian und später bei Carl von Eicken fort. Alfred Seiffert ging bereits der Ruf eines sehr erfolgreichen Klinikers und eines originellen und erfindungsreichen Operateurs voraus, als er von Kiel nach Heidelberg wechselte. Seine persönliche Bescheidenheit und Einfachheit und seine Liebe zur Musik – er betätigte sich auch als Geigenbauer – waren weitere typische Facetten  dieses großen Klinikers.

1954

Werner Kindler, bis dahin Ordinarius an der Freien Universität Berlin, übernimmt die Leitung der Heidelberger Klinik. Werner Kindler kann eine Modernisierung des alten Klinikbaus mit neuem Hörsaal, neuer Bibliothek, neuen Laboratorien und einer Erweiterung der OP-Abteilung erreichen. Auch ein Ambulatorium für Stimm- und Sprachkranke wird eingerichtet. Die Klinik verfügt schließlich über 130 Krankenbetten. W. Kindlers wissenschaftliche Publikationen befassen sich überwiegend mit klinischen Themen wie der Liquordiagnostik und dem Nasenbluten sowie der Frühdiagnostik der Malignome, aber auch mit der Medizingeschichte. Von ihm stammen Handbuch-Beiträge und eine Abhandlung über die Geschichte der HNO-Heilkunde in Berlin. Eine besonderes Anliegen ist ihm die Schaffung eines engen Kontaktes zu den benachbarten französischen Fachkliniken – unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg eine weitsichtige Einstellung.

Werner Kindler wurde in Gersdorf in Sachsen geboren. Seine Fachausbildung erhielt er bei J. Zange in Graz und Jena.

1965

Hans-Georg Boenninghaus, bis dahin Chefarzt in Karlsruhe, folgt 1965 einem Ruf auf den Heidelberger Lehrstuhl. H.-G. Boenninghaus kann die Klinik und deren Personaletat weiter ausbauen. So entstehen ein zusätzlicher Operationssaal, ein akustisch-elektronisches Labor, ein allergologisches, speichelchemisches, histo-chemisches Labor und ein neuer Ambulanztrakt. Die Abteilung für Stimm- und Sprachstörungen wird eine selbständige Abteilung der Klinik. Der Klinikneubau im künftigen Gesamtklinikum wird geplant, der Ausbau und die Einrichtung fachmedizinisch begeleitet und gesteuert. Am Tage nach der Emeritierung von H.-G. Boenninghaus kann der Betrieb in der neuen Klinik beginnen.

Arbeits-Schwerpunkte von H.-G. Boenningshaus und seinen Mitarbeitern erstrecken sich auf die Chirurgie der Nasen-Nebenhöhlen, die Traumatologie im Kopf-Halsbereich, die Vestibularisforschung, die Audiologie (z.B. Lärmschwerhörigkeit, „akustisches Trauma“, Hörsturz; Bewertungstabelle (zusammen mit Röser), die fachbezogene Röntgenologie und die Begutachtung. Neben sehr zahlreichen Publikationen aus den verschiedensten Bereichen des Faches stammen wichtige Handbuchbeiträge, Referate, ein Hauptreferat und eine Monographie über Schädelbasisbrüche aus seiner Feder. Besonderer Beliebtheit erfreut sich bei Studenten und Ärzten seinder Zeit sein Lehrbuch der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.

Hans-Georg Boenninghaus wurde in Breslau geboren. Seine Lehrer im Fach waren Walther Uffenorde in Marburg und Richard Mittermaier in Marburg und später Frankfurt/M.

1987

Hagen Weidauer wird als Nachfolger von H.-G. Boenninghaus berufen. Er kann bei seinem Amtsantritt eine völlig neue Klinik (im Rahmen der neuen Kopfklinik) übernehmen und dort auch ein erweitertes akustisch-elektronisches und ein allergologisches Labor in Betrieb nehmen und den Aufbau eines Labors für Molekularbiologie und ein weiteres für Tumorforschung initiieren. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Toxische Innohrschäden, antineoplastische Chemotherapie, Malignom-Chirurgie, die Auswirkungen von AIDS im HNO-Bereich, Tracheal-Stenosen-Chirurgie sowie plastisch-rekonstruktive Chirurgie. Seine Publikationen betreffen die gleichen Themen und werden ergänzt durch Handbuchbeiträge und eine Monographie über „AIDS und HNO-Heilkunde“. 

Hagen Weidauer stammt aus Zwickau. Seine fachliche Ausbildung erhielt er bei H.-G. Boenninghaus.

2004

Peter K. Plinkert, bis dahin Ordinarius in Homburg-Saar, übernimmt die Leitung der Klinik. Wissenschaftliche Schwerpunkte sind die Pathophysiologie des Mittel- und Innenohres sowie die Audiologie. Das klinische Forschungsinteresse liegt auf der Entwicklung neuer minimal invasiver Operationstechniken und umfasst ein weites Spektrum von der intraoperativen Navigation bis hin zur Robotik. In der Onkologie beschäftigt er sich klinisch mit der organerhaltenden Laserchirurgie des Kehlkopfes und der großen rekonstruktiven Chirurgie mit freien Transplantaten. Seit seinem Amtsantritt in Heidelberg finden jährlich Operationskurse zur mikrochirurgischen Hörverbesserung und zur Schädelbasis-Chirurgie statt. Als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Audiologen und Neurootologen (ADANO) leitete er im Oktober 2004 diese Jahrestagung in Heidelberg. Unter ihm habilitierten Bernward Schick, Ingo Baumann und Christian Simon für das Fach HNO-Heilkunde und Wolfgang Delb für das Fach Phoniatrie-Pädaudiologie.

Plinkert stammt aus dem Rheingau und studierte an der Georg August Universität in Göttingen. Seine Lehrer waren W. Kley und J. Helms in Würzburg sowie H.P. Zenner in Tübingen. Klinische und wissenschaftliche Auslandaufenthalte führten ihn an das MD Anderson Cancer Center in Houston Texas, an die Universität Stockholm und an die Washington University in St. Loius. 1999 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für HNO-Heilkunde an der Universität Greifswald (Rufablehnung). Von 2000 bis 2004 war er Lehrstuhlinhaber an der Universitäts-HNO-Klinik des Saarlandes (Homburg/Saar). Von 2002 bis 2004 war er Prodekan der Medizinischen Fakultät und im Vorstand des Saarländischen Tumorzentrums. 2001 etablierte er das generelle und flächendeckende Hörscreening aller Neugeborenen im Saarland.