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Zu früh geboren?

Beste Chancen dank moderner Medizin und Pflege

Deutlich zu früh geborene Kinder sind ohne Hilfe nicht überlebensfähig. Im Perinatalzentrum des Universitätsklinikums Heidelberg haben Frühchen trotzdem exzellente Chancen auf einen gesunden Start ins Leben. Wie das gelingt, erläutert Prof. Dr. Johannes Pöschl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Neonatologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, bei Medizin am Abend am 10. Juli 2019.

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Wer so klein ist, kann einen ordentlichen Koffein-Schub vertragen: Die Koffein-Menge von bis zu 20 Tassen Espresso erhalten sehr kleine Frühchen im Perinatalzentrum des Universitätsklinikums Heidelberg täglich zur Behandlung der Atempausen. Was Erwachsenen Herzrasen und Schlaflosigkeit beschert, unterstützt beim Frühgeborenen die Hirnentwicklung und schützt die empfindlichen Nervenzellen. Erkenntnisse wie diese haben in den letzten Jahren insbesondere an Perinatalzentren Eingang in moderne Versorgungskonzepte gefunden, die sich an Entwicklungsstand und Bedürfnissen der Kinder orientieren und so das Risiko für Hirnblutungen in den ersten Tagen und bleibende Schäden deutlich verringern. Was von der Muttermilch bis zur modernen Technik alles dazu beiträgt, dass ein Kind von weniger als 1.500 oder sogar 1.000 Gramm Gewicht nicht nur überlebt, sondern sich trotz viel zu früher Geburt gesund entwickelt, ist Thema von Professor Dr. Johannes Pöschl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Neonatologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, bei Medizin am Abend am Mittwoch, 10. Juli 2019. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400. Universitätsklinikum und Rhein-Neckar-Zeitung laden alle Interessierten herzlich ein.

Rund 10.000 Kinder werden in Deutschland jährlich mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1.500g oder noch vor der 32. Schwangerschaftswoche, also mehr als zwei Monate zu früh geboren. 130 von ihnen kommen am Universitätsklinikum Heidelberg zur Welt und werden dort vom Team der deutschlandweit größten Neonatologie versorgt. Für den kleinen Körper bedeutet der Frühstart ins Leben Schwerstarbeit: Die Frühchen sind nicht nur viel zu klein und leicht, sie können zudem nicht von sich aus trinken. Gehirn und Lunge sind noch nicht ausgereift. Um außerhalb des Mutterleibs gut zu gedeihen, benötigen sie eine höchst spezialisierte Pflege und Versorgung in einer entsprechend ausgestatteten Einrichtung wie dem Heidelberger Perinatalzentrum. Dort haben Frühgeborene auch schon ab der 23. Woche Schwangerschaftsdauer und kranke Säuglinge dank des Heidelberger Pflegekonzepts EFIB (Entwicklungsförderndes familienzentriertes individuelles Betreuungskonzept) exzellente Überlebenschancen, wie Professor Pöschl im Vortrag ausführen wird: „93 Prozent der Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm, das entspricht ungefähr der 32. Schwangerschaftswoche, können wir – bei einer Überlebensrate von 96,2 Prozent – ohne schwerwiegende Komplikationen nach Hause entlassen. Bei den noch kleineren Frühchen unter 1.000 Gramm sind es 86,5 Prozent. Das sind hervorragende Ergebnisse."

Von Känguruen bis Stammzelltherapie

Dass sich der Zeitpunkt, ab wann ein Frühgeborenes überleben kann, bis zur vollendeten 22. Schwangerschaftswoche vorverschoben hat, ist neuen Medikamenten, modernen Techniken bei Beatmung und Kreislaufunterstützung sowie nicht zuletzt der Einrichtung spezialisierter Zentren zu verdanken. Eine weitere wesentliche Verbesserung der Prognose lässt sich durch die individuelle "sanfte" Betreuung Frühgeborener – wie sie EFIB vorsieht – erreichen. „Sanft" bedeutet dabei vor allem ein sehr behutsamer Umgang mit Rücksicht darauf, dass der kleine Organismus einige Reize noch nicht im selben Maß verarbeiten kann wie ein reif geborenes Kind. So ist z.B. zärtliches Streicheln für ein kleines Frühchen gar nicht angenehm: „In der 28. bis 30. Schwangerschaftswoche sind die schmerzhemmenden Nervenbahnen noch nicht ausgebildet, die schmerzleitenden allerdings schon. Streicheln ist daher ein eher unangenehmer Reiz für das frühgeborene Baby", so Pöschl. Schwestern und Pfleger nehmen daher durch sachte Berührungen an Händen und Füßen Kontakt auf.

Außerdem wird nach Möglichkeit bei sämtlichen medizinischen und pflegerischen Maßnahmen der Schlafrhythmus des Kindes berücksichtigt – und das ist gar nicht so einfach: Frühchen verschlafen fast 90 Prozent des Tages, den Rest dösen sie mit kurzen Aktivitätsphasen. „Unser Team ist geschult darin, den richtigen Zeitpunkt für die Kontaktaufnahme zum Baby zu erkennen und stimmt alle notwendigen Maßnahmen auf diese Phasen ab. Da jeder Stress die Hirnentwicklung stört, gilt es, diesen unbedingt zu vermeiden", erläutert Pöschl. Aus diesem Grund wurden helles Licht, laute Alarme von Überwachungsgeräten und technische Geräusche konsequent aus den Zimmern verbannt – die Eltern dagegen mit ins Boot geholt: Während des „Känguruens", bei dem das Baby auf der nackten Brust von Mutter oder Vater liegt, wird Bindung aufgebaut, das Kind nimmt Stimme, Herzschlag und Geruch der Eltern wahr. Das fördert nachgewiesen die gesunde Entwicklung des Frühchens und stabilisiert die Bindung zu den Eltern.

Damit die Eltern sich im Handling des Winzlings nicht überfordert fühlen, werden sie von Pöschls Team geschult, von Psychologen und Ärzten auch auf die Zeit zuhause vorbreitet. „Die adäquate Förderung der Frühgeborenen durch die Eltern bringt einen immensen Bonus für die geistige Entwicklung des Kindes, Studien sprechen von einem positiven Effekt von über 30 IQ-Punkten", so der erfahrene Neonatologe. Am Heidelberger Perinatalzentrum werden Mutter und Kind daher nicht getrennt, die Babys bleiben in der Frauenklinik in der Nähe der Mutter oder sogar im selben Zimmer. Das familienfreundliche Konzept, das im Neubau der Universitäts-Frauenklinik auch räumlich durch 40 Mutter-Betten optimal unterstützt wird, wird im Vortrag vorgestellt. Darüber hinaus wird Professor Pöschl einen Ausblick auf neue Entwicklungen in der Neonatologie geben – von Erkenntnissen über die optimale Beatmung und Ernährung der Frühchen mit Muttermilch, über die kabellose und daher für das Baby weniger störende Überwachung der Vitalfunktionen bis hin zur künstlichen Plazenta oder Stammzelltherapie zur Regeneration möglicher Lungen und Hirnschäden bei Frühgeborenen.

Termin

Mittwoch, 05. Juni 19 Uhr
Hörsaal Kopfklinik
Im Neuenheimer Feld 400
Eintritt und Parken frei.

Referent

Prof. Dr. Johannes Pöschl
Ärztlicher Direktor der Klinik für Neonatologie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin