Newsroom Events Medizin am Abend 2024 101. Auch im Weltraum…

Auch im Weltraum leiden die Gelenke

Vor den Heidelberger Cafés drängten sich am Donnerstagabend die Besucher, um am Bildschirm die Fußball-Europameisterschaft zu verfolgen, am Römerkreis etwa oder auch auf dem Danteplatz. Das Großereignis des Abends spielte sich aber jenseits von alledem ab: im Hörsaal der Kopfklinik im Neuenheimer Feld. Dort fand die jüngste Folge von „Medizin am Abend“ statt, der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von Rhein-Neckar-Zeitung und Universitätsklinikum.

Tobias Renkawitz, Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie am Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD), sprach über Arthrose des Knie- und Hüftgelenks – und darüber, was dagegen hilft. 400 Interessierte hörten ihm dabei gebannt zu, undes wären noch mehr gewesen, hätte man sie alle in den Hörsaal gelassen. Doch aus Sicherheitsgründen war der Zugang beschränkt.

Fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Arthrose, die Gelenkerkrankung verursacht jährlich Kosten in Höhe von fünf Milliarden Euro – mit einigen Fakten leitete Renkawitz seinen Vortrag ein. Sie sollten die weite Verbreitung des Leidens verdeutlichen und somit auch die Dringlichkeit, Lösungen zu finden. Auf diesen Aspekt hatte auch Professor Ingo Autenrieth, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender am UKHD, in seiner Begrüßung hingewiesen: In die Erforschung von Krankheiten wie der Arthrose würden nicht genug öffentliche Mittel investiert, bemängelte er. Allerdings lässt sich auch heute schon einiges gegen die Beschwerden tun, wie Renkawitz in seiner informativen und dennoch unterhaltsamen Medizinvorlesung deutlich machte.

Sehr verständlich nahm er das Publikum dabei mit in die Welt der Orthopädie: Anhand von Ausschnitten aus dem Lehrbuch erklärte er den Aufbau der Gelenke („so schön wie im Lehrbuch sieht man es während der Operation nicht“), mit Röntgenbildern zeigte er, was ein gesundes Gelenk von einem kranken unterscheidet („hier ist der Knorpel schon ganz abgerieben“). Mit Darstellungen der Muskulatur im Hüftbereich veranschaulichte er, wie man ein künstliches Hüftgelenk minimalinvasiv einsetzt („diese Muskelgruppen kann man auseinanderdrängen, so als würde man einen Theatervorhang vorsichtig auseinanderziehen“), und mit Fotos der neuesten Technik aus dem Operationssaal in Schlierbach demonstrierte er, wie er am Knie möglichst genau operiert („das ist ein Roboterarm, in den eine Hochpräzisionssäge eingespannt ist“).

Hunderttausende Menschen in Deutschland erhalten jedes Jahr ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk – mehr als in vielen anderen Industrienationen. Allerdings: Dass die Operation noch immer ein großer Eingriff ist, leugnete Renkawitz nicht. Es könne sinnvoll sein, eine Zweitmeinung einzuholen. Demgegenüber steht der Gewinn an Lebensqualität, und die Operationen sind immer schonender geworden. Habe man um das Jahr 2008 beim Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks noch sieben bis zehn Tage auf Station verbracht, seien es heute nur noch vier oder fünf. Und während man damals nach sechs Wochen mit einer vorsichtigen Belastung beginnen konnte, gehe das unter physiotherapeutischer Begleitung heute schon am Tag der OP.

Was aber ruft eine Arthrose überhaupt hervor? Die erbliche Veranlagung spielt eine Rolle, aber auch Fehlstellungen und Unfälle begünstigten sie, führte der Orthopäde aus – genauso wie auch etwa zu viel Belastung durch Übergewicht. Im Umkehrschluss lautet der Ratschlag dennoch nicht, die Füße zur Schonung möglichst häufig hochzulegen. Denn zu wenig Belastung tut den Gelenken auch nicht gut. Das zeigen – inhaltlich passend zu Major Tom, der inoffiziellen Hymne der deutschen Nationalmannschaft während der EM – Untersuchungen von Astronauten nach ihrer Rückkehr aus dem All. Menschliche Gelenke nämlich sind nicht für die Schwerelosigkeit geschaffen. „Bei den Astronauten war der Knorpel plötzlich ganz weich“, führte Renkawitz aus. „Wären sie ewig im Weltraum, hätten sie wahrscheinlich alle Arthrose.“ Im Anschluss an den Vortrag hatte das Publikum Gelegenheit, Fragen einzubringen – und es machte vielfach davon Gebrauch. Es ging etwa um die Materialien der Implantate, um Risiken des Eingriffs und um die Narkose. Und so kam es, dass „Medizin am Abend“ – anders als die Fußballspiele der Vorrunde – noch für einige Zeit in die Verlängerung ging.

 

Beitrag: Julia Lauer, RNZ

Referent

Portrait von Univ.-Prof. Dr. med. habil. Tobias Renkawitz

Professor Tobias Renkawitz
Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie am UKHD