Medizin am Abend

Meine Darmmikroben und ich: eine innige, aber verwundbare Beziehung

Mehr als 1.000 verschiedene Bakterienarten besiedeln unseren Darm. Gerät das empfindliche Gleichgewicht zwischen den einzelnen Mikrobengruppen durcheinander, hat das gravierende Auswirkungen auf den gesamten Menschen. Was man über die menschliche Darmflora in den letzten Jahren Erstaunliches herausgefunden hat und was noch Rätsel aufgibt, erläutert der renommierte Bioinformatiker Professor Dr. Peer Bork vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) bei Medizin am Abend am 19. Oktober 2016.

Der Mensch ist ein Ökosystem – insgesamt betrachtet, besteht er aus mehr Bakterien als menschlichen Zellen. Erst seit wenigen Jahren enthüllen Analysen des Erbmaterials in Hautabstrichen oder Stuhlproben allmählich die immense Vielfalt der bakteriellen Bewohner des Menschen. Allein der Darm beherbergt durchschnittlich 1,5 Kilogramm mikrobieller Biomasse. „Die Zusammensetzung dieser Darmflora unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und hat nicht nur Einfluss auf Verdauung, Nahrungs- und Medikamenten-verträglichkeiten, sondern wahrscheinlich auch auf Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs“, sagt Professor Dr. Peer Bork, Bereichsleiter für Struktur- und Computerbiologie am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL). „Da wir aber noch wenig darüber wissen, was eine gesunde Darmflora ausmacht, ist es schwierig, die genauen Wechselwirkungen zwischen Zusammensetzung der Darmflora und Auftreten einer Krankheit zu entschlüsseln.“ In seinem Vortrag bei Medizin am Abend am Mittwoch, 19. Oktober 2016, wird er darüber sprechen, was unsere Darmflora über uns verrät, was sie für uns leistet, wann sie Probleme verursacht und wie sie zu Diagnose und Therapie herangezogen werden kann. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr im Hörsaal der Kopfklinik, Im Neuenheimer Feld 400. Universitätsklinikum und Rhein-Neckar-Zeitung laden alle Interessierten herzlich ein.

Ohne Darmflora wäre Verdauung nicht möglich. In seltenen Fällen können diese nützlichen Bakterien, abgesehen von Infektionen mit fremden Darmkeimen, aber auch Krankheiten verursachen. „Bislang werden mehr als 30 Erkrankungen mit bestimmten Bakterien-gesellschaften des Darms in Zusammenhang gebracht“, so der Bioinformatiker, der auch am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin forscht. „Diese könnten somit auch als diagnostische Marker herangezogen werden, z.B. um Darmkrebs anhand der Zusammensetzung der Darmflora früh zu erkennen.“

„Normal“ gibt es in puncto Darmflora nicht

Die Charakterisierung allgemeingültiger Marker für bestimmte Erkrankungen, also eine definierte, zuverlässig auftretende Abweichung von einem Normalzustand ist jedoch schwierig: „Normal“ gibt es in puncto Darmflora nämlich nicht. Das Team um Professor Bork fand zwar vor einigen Jahren heraus, dass in den meisten Ländern drei bevorzugte Bakteriengesellschaften, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder Gewicht, vorherrschen. Diese sogenannten Enterotypen beschreiben allerdings nur grob die Zusammensetzung der Darmflora. Wenn man aber ins Detail geht, d.h. nicht nur Bakerien arten sondern auch –stämme betrachtet, ist jeder Mensch einzigartig aufgestellt, sodass man sogar eineiige Zwillinge auseinanderhalten kann. So verfügt beispielsweise jeder von uns über persönliche Varianten der Darmbakterienart Escherischia coli (E. Coli), welche die gesamte Darmflora individuell auf äußere Einflüsse reagieren lassen.

Diese Einzigartigkeit will man sich zukünftig für individualisierte Diagnostik und Therapie zunutze machen. Allerdings sind noch viele Fragen offen. So helfen mikrobielle Therapien wie die sogenannte Stuhltransplantation von gesunden Spendern jetzt schon bei bestimmten, anderweitig nicht behandelbaren entzündlichen Darmerkrankungen. Um solche Erfolge auszuweiten, muss man aber verstehen, wie sie ihre Wirkung entfalten, und dies ist noch lange nicht verstanden. Viele Umwelteinflüsse und unser Lebensstil, wie Ernährung oder Medikamenteneinnahme, verändern unsere Darmflora. Allerdings weiß man noch nicht, welche Zusammensetzung gut oder schlecht für den Einzelnen ist und welche Konsequenzen diese Veränderungen nach sich ziehen. Trotzdem ist davon auszugehen, dass wir bald durch eine gezielte Veränderung der Bakteriengesellschaft mit Hilfe bestimmter Diäten oder Nahrungszusätze unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden verbessern könnten.

 

Weitere Informationen:

Opens external link in new windowForschungsgruppe Prof. Dr. Peer Bork, Bereichsleiter für Struktur- und Computerbiologie am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL)

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Termin

Mittwoch, 19. Oktober
19 Uhr

Hörsaal Kopfklinik
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg

Eintritt und Parken frei.

Referent

Quelle: EMBL

Prof. Dr. Peer Bork
Bereichsleiter für Struktur- und Computerbiologie
Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL)