Aus Lebensrettern…

Aus Lebensrettern wurden lebenslange Freunde

Pascal führt dank einer kombinierten Tumortherapie heute ein ganz normales Leben

Pascal kommt sehr gerne nach Heidelberg. So wie an diesem Tag im Oktober. Der 21-Jährige trägt Brille und Turnschuhe und lächelt entspannt. Dass sein Besuch einen wichtigen medizinischen Hintergrund hat, merkt man ihm nicht sofort an. „Ich muss noch alle zwei Jahre zur Nachsorge nach Heidelberg. Dann gehe ich zur MRT-Untersuchung und danach absolviere ich meine Besucherrunde in der Klinik“, erklärt der Student. „Am Anfang war ich bei den Nachsorgeuntersuchungen noch sehr angespannt und wir haben jedes gute Ergebnis gefeiert, doch über die Jahre hinweg bin ich immer zuversichtlicher geworden und befürchte nichts Böses mehr.“

Pascal erkrankte als Kind an Knochenkrebs im Bereich der linken Nasenhaupthöhle und Kieferhöhle. Nach einer Operation galt er zunächst als geheilt, doch dann kehrte der Tumor zurück. Die Experten des Universitätsklinikum Heidelberg halfen ihm mit einer kombinierten Strahlentherapie. Der junge Mann war einer der ersten Patienten, der im Ionenstrahlprojekt unter Federführung der Heidelberger Strahlentherapie am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt behandelt wurde. Zwar wird ihn, wie alle Krebspatienten, lebenslang ein Restrisiko begleiten, jedoch gehen die Heidelberger Ärzte davon aus, dass der Tumor besiegt ist. „Dank der Therapie kann ich heute ein normales Leben führen“, sagt der Stuttgarter dankbar.

Ärzte und Eltern haben ihm die Angst genommen

Pascal hat sein Abitur gemacht und ist trotz der Vorerkrankung ein lebenslustiger, sportbegeisterter Mensch. Wie ernst es damals um ihn stand und dass der Krebs sein Leben bedrohte, wurde ihm erst viele Jahre später bewusst. „Ich war erst sechs Jahre alt. Ehrlich gesagt, habe ich damals nicht verstanden, was sich um mich herum abspielt. Die Ärzte und meine Eltern haben die Botschaft kindgerecht für mich ‚verpackt‘  und mir die Angst genommen.“

Die Geborgenheit in seiner Familie und die fürsorgliche Behandlung durch das medizinische Personal haben ihm dabei geholfen, die Therapie gut zu überstehen. „Die dreiwöchige Bestrahlung lief für mich relativ unaufgeregt ab. Heute weiß ich, dass das für meine Familie und die Ärzte eine sehr schwierige und anstrengende Zeit war. Davon habe ich jedoch nichts mitbekommen. Ich wurde sehr herzlich und aufmerksam behandelt“, so Pascal.

Der Kampf gegen den Krebs, die erfolgreiche Therapie und die Menschen, die ihm das Leben gerettet haben, sind Teil seines Lebens geworden.  Viele von ihnen begleiten Pascal seit Jahren: „Da baut man eine Beziehung zueinander auf und ich freue mich immer sehr auf unser Wiedersehen.“

Pascals Therapieerfolg und die Erfahrungen, die während der Behandlung vieler weiterer Patienten  gesammelt werden konnten, haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Strahlentherapie stetig weiterentwickelt werden konnte.

das Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT)

Strahlentherapie im Untergrund

Das Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) ist die erste Therapieanlage an einer Klinik in Europa, an der Patienten sowohl mit Protonen als auch mit verschiedenen Schwerionen bestrahlt werden können. Kernstück der Anlage ist ein Teilchenbeschleuniger. Mit ihm werden Protonen und Kohlenstoffionen beschleunigt und dann millimetergenau auf Tumore geschossen.

Um die Tumoren noch besser und effektiver treffen zu können, steht seit 2012 auch eine um 360 Grad drehbare „Gantry“ zur Verfügung. Die gigantische Tragekonstruktion aus Stahl ist 25 Meter lang, im Durchmesser 13 Meter groß und etwa 650 Tonnen schwer. Mit ihr kann der Strahl aus jeder Richtung auf den Tumor gerichtet werden. Hierzu ist ein Teil des Bestrahlungssystems auf der Gantry angebracht. Der Strahl erreicht den Patienten mit bis zu drei Vierteln der Lichtgeschwindigkeit, kann bis zu 30 Zentimeter ins Gewebe eindringen und weicht dennoch höchstens einen Millimeter vom Ziel ab. Seit Inbetriebnahme des HIT im November 2009 behandelten Ärzte mehr als 5.000 Patienten mit der Methode und führten eine Vielzahl klinischer Studien durch.

Für wen eignet sich das Hochpräzisionsverfahren?

Die Schwerionen- und Protonentherapie ermöglicht es, tief im Körper liegende oder extrem widerstandsfähige Tumoren mit maximaler Präzision zu erreichen und dabei umliegendes gesundes Gewebe zu schonen. Dieser Vorteil ist besonders wichtig bei Tumoren, die nah an empfindlichen Geweben liegen, wie etwa an der Schädelbasis, dem Sehnerv oder Darm sowie Tumoren von Kindern und Jugendlichen. ​​​​

So funktioniert die Therapieanlage

Zur Erzeugung der Protonen- und Schwerionenstrahlen wird im HIT ein zweistufiges Teilchenbeschleuniger-System, bestehend aus einem fünf Meter langen Linearbeschleuniger und einem ringförmigen Beschleuniger mit 20 Metern Durchmesser verwendet, um die Teilchen auf bis zu 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Magnetfelder führen die Therapiestrahlen in Vakuumröhren in die Behandlungsräume. So erreichen die Strahlen millimetergenau auch bis zu 30 Zentimeter tief liegende Tumoren.

Darum ist die Behandlung so präzise

HIT ist die weltweit erste Ionenstrahltherapie-Anlage mit intensitätsmoduliertem Rasterscan-Verfahren. Mit dieser speziellen Bestrahlungsmethode können Tumoren jeder Form, Größe und Tiefenlage im Körper mit einer niemals zuvor erreichten Präzision bestrahlt werden. „Intensitätsmoduliert“ heißt, dass jeder Bereich des Tumors mit einer anderen Intensität des Teilchenstrahls behandelt werden kann – ganz wie es die Strahlenempfindlichkeit des Tumors und seines Nachbargewebes erlaubt.

Zusätzlich kommen am HIT, ebenso wie in der konventionellen Strahlentherapie, modernste bildgebende Verfahren wie die Computertomografie (CT) und die Magnetresonanztomografie (MRT) sowie die Positronenemissionstomographie (PET) zum Einsatz, um den Tumor und seine Lage im umgebenden Gewebe präzise zu vermessen.

Jeder Patient erhält eine individuell angefertigte Lagerungshilfe, mit deren Hilfe er dann vor der Bestrahlung auf dem robotergesteuerten Behandlungstisch exakt auf die zuvor berechneten Koordinaten positioniert wird.

Die exakte Bestrahlungsposition wird dabei bei jeder der Behandlungssitzungen (je nach Tumor bis zu 37 Sitzungen) mittels Bildgebung nochmals justiert. Hierzu vergleichen die Ärzte die Röntgenaufnahmen mit den CT- und MRT-Aufnahmen. Dann erst beginnt die Bestrahlung.

Maximale Sicherheit bei der Tumorbestrahlung

Während der Therapiesitzung werden Energie, Lage, Form und Intensität des Ionenstrahls bis zu 100.000 Mal pro Sekunde durch ein Online-Therapie-Kontrollsystem überprüft. Bei der kleinsten Abweichung stoppt die Bestrahlung innerhalb einer viertel Millisekunde und gewährleistet so die größtmögliche Sicherheit.

​​​​​​​Unser Ansporn

Die optimale Therapie für jeden Patienten, jeden Tag

Alle Patienten erhalten am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT)  eine auf sie individuell von Experten verschiedener Fachrichtungen zusammengestellte Therapie. Viele von Ihnen werden zur Strahlentherapie an die Abteilung für Radioonkologie und Strahlentherapie überwiesen, da sie in der weltweit einmaligen Situation ist, alle hochmodernen Bestrahlungsgeräte und -techniken anbieten zu können, insbesondere die Ionenstrahltherapie am HIT. 

Kontakt

Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum HIT
am Universitätsklinikum Heidelberg
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Jürgen Debus
Ärztlicher Direktor Abteilung RadioOnkologie und Strahlentherapie
Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT)
Im Neuenheimer Feld 400
D-69120 Heidelberg

Tel. 06221 56-35689 (Mo.- Fr., 8-12 Uhr)
E-Mail: strahlentherapie@med.uni-heidelberg.de